Über die zweite Einfachheit der Worte

Aktualisiert: vor 2 Tagen



Letzte Woche waren wir bei einer Lesung von Erik Flügge. Sein Buch “Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt” ist Spiegel-Bestseller und da es darin offensichtlich um Sprache und Kirche geht, natürlich für uns interessant. Der Plan war, über die Lesung und die Diskussion einen Blogartikel zu schreiben.


Wie das so ist mit Plänen. Es war interessant und kontrovers, ich fand Flügge interessant-irritierend, weil er so jung und jungenhaft ist mit einer überdurchschnittlichen rhetorischen Präsenz. Viele kluge und zutreffende Sachen sagt er, das meiste natürlich polemisch überspitzt. Doch das Thema blieb im Nebel.


In einem Interview mit dem Magazin “bref” hat Flügge etwas sehr Interessantes gesagt. Es ging um das Verhältnis von Professionalität und Nahbarkeit. Eine Psychologin soll natürlich Profi sein, sich mit der menschlichen Psyche auskennen und die Beziehung zum Klienten professionell gestalten. Aber merken will er, der Klient, davon möglichst nichts. So Flügge. Das Gespräch mit ihr soll ganz normal wirken, natürlich.


Die Sprache der Psychologin soll ganz normal sein. Die Sprache soll unzerstört sein, sie soll von der Profession nicht belastet und überfrachtet sein.


Es gibt eine zweite Einfachheit unserer Sprache, in der wir unser Wissen und Können “vergessen” müssen.


Das ist wahr. Und das ist unverzichtbar, wenn Du Menschen wirklich erreichen willst. Egal, was Dein Beruf ist, gerade dann, wenn Du sehr gut darin bist und viel weisst, bist Du gefährdet. Zu kompliziert zu reden, Fachbegriffe zu verwenden, wir alle kennen das.


Nun ist es aber nicht einfach mit einem Fingerschnipsen getan um diese zweite Einfachheit zu erreichen. Es ist nicht so, dass die Einsicht reicht: Aha! Ach ja klar, ich muss einfach dieses ganze komplizierte Zeug vergessen und so reden wie vorher. Und dann legst Du den Schalter um und legst die Kompliziertheit ab wie einen Mantel und bist wieder ganz einfach und natürlich.


Der Weg geht nicht zurück. Die zweite Einfachheit ist neu und etwas anderes als Nicht-Wissen. Sie braucht Übung.


Es ist schwer, einfach zu reden.


Lass Dir nicht einreden, es wäre ganz leicht. Wie viel Arbeit steckt hinter dem Schweben einer Tänzerin, hinter dem Gesang einer Profisängerin? Es wirkt leicht, es sieht natürlich aus und klingt, als ob es nicht anders sein könnte. Aber in Wahrheit ist es Übung, Training, Wiederholung, Verbesserung.

Doch der Weg lohnt sich. Die zweite Einfachheit zu finden, heisst, das Wesentliche auszusprechen, besser als zuvor. Es heisst, Dein ganzes Können, Deine Erfahrung, Deine Kompetenz einfliessen zu lassen und zu verwandeln.


Mir hilft es, in einer Umgebung zu schreiben, die eher wenig Professionalität ausstrahlt, aber sehr angenehm ist. Ein Raum der Ruhe und Geduld. Ein leeres Blatt, Schreiben mit der Hand – das ist für mich eigentlich mit privatem Schreiben verbunden und das hilft. Innehalten, mich sammeln, nicht zu konzentriert, aber mit Aufmerksamkeit und Liebe für Einfachheit.


Worte mit Essenz zu finden, mit betörender Schlichtheit, das kannst Du in unserem Workshop lernen: Der Turbo für Deine Sprache! 13.-15. Januar 2017 findet er statt. Vielleicht ist er etwas für Dich?

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SchreibStimme.

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