„Die Diva unter den Schreibgehilfen“ – Oder: Der Füllfederhalter

Aktualisiert: vor 6 Tagen



Mein Gott, ist das ein toller Typ! Schlank und voll erhabener Eleganz!


Die absolute Sinnlichkeit! Schnappatmung pur! Kühl liegt er in meiner Hand. Seine Perlmutteinsätze glitzern in zarten Meerestönen. Fließend fliegt die Feder über das Papier – meine Gedanken erhalten Gestalt in schwarzviolettem Ton. Worte formen sich vor meinen Augen. Beständige, unerschütterliche Worte. Sein fester Charakter hilft mir dabei. Formt Verbindlichkeit für meine Gedanken – gießt sie in unerschütterliche Bahnen.


Mein Füllfederhalter ist der schillerndste unter meinen Schreibliebhabern.


Schön ist er anzusehen. Er vermittelt mir das Gefühl, dass ich mich an ihm festhalten kann. Die mit seiner Hilfe aufgeschriebenen Gedanken stehen deutlich und verbindlich da. Nichts lässt sich radieren, ja nicht einmal auslöschen, denn ich schreibe nicht mit der herkömmlichen blauen Tinte. Meine Stimmung gibt er sensibel wieder – mein Schriftbild liegt klar und offen vor mir.


Kein wegwischbares Grau – keine schnelle Unverbindlichkeit.


Er hat allerdings auch seine Launen – und es war nicht leicht, ein entsprechend wenig empfindliches Modell zu finden, das nicht beleidigt den Tintenfluss einstellt, wenn man sich nicht mindestens jeden zweiten Tag mit ihm auseinandersetzt. Er mag auch nicht jede Tinte – und kommt sie auch noch so schön im Farbton daher und ist noch so renommiert und traditionsträchtig in ihrer Herkunft. Ist sie zu dünnflüssig, kleckst er dir frech deine Notizen voll und ist sie zu dickflüssig, dann verweigert er die Herausgabe der Wörter. Auch mit dem falschen Papier verweigert er dir die Zusammenarbeit – ist es zu rauh oder zu glatt, zeigt er dir deutlich, was er davon hält, und stockt beleidigt oder schmiert.

Er lässt sich nur von wenigem beeindrucken. Die Auswahl seiner Mitstreiter erfolgt streng nach dem Prinzip: Passt er/sie/es zu mir? Dann gut. – Oder passt es nicht: Dann weg damit.


Er ist die Diva unter meinen Schreibliebhabern und er duldet keinen anderen neben sich. Verweigert sich konsequent, wenn man ihn nicht angemessen behandelt.


Aber trotzdem brauche ich ihn und bin ihm treu, denn ich fühle mich gut bei ihm. Habe viel Zeit in ihn investiert und lange nach dem passenden Modell für mich gesucht … Oder war es umgekehrt?

Es war jedenfalls nicht leicht, den „Richtigen“ zu finden: Den Füller, der sich bereit erklärt auf seine oft unangenehmen Zickenhaftigkeiten wie Kratzen, Stocken oder Auslaufen in der Zusammenarbeit mit mir weitestgehend zu verzichten.


Nur eine schöne Fassade?


Wie viele teure Modelle kann man ausprobieren und hinter dem vermeintlichen Wert entdeckst du schließlich, dass es im Grunde nur die schöne Fassade ist, die sich das teuer hat bezahlen lassen …

Deshalb ist es wichtig, dass du dein Lieblingsmodell vorher mehrmals Probe schreibst. Häufige Dates sind hier absolut empfehlenswert – bevor du dich wirklich festlegst!


Und, wie es bei einer echten Diva eben so der Fall ist: Oftmals braucht es einfach nur ein paar Tricks, um sie freundlich zu stimmen. Mit warmem Wasser und Spülmittel gründlich durchspülen kann hier oft schon wahre Wunder wirken! Und meistens braucht es einfach ein wenig Zeit, bis sich die Metall- oder Goldfeder deinen Macken angepasst hat und ihr in einvernehmlicher Harmonie und Zusammenspiel miteinander loslegen könnt. Aber die grundlegende Voraussetzung für alles ist ein gewisses Maß an Sensibilität. Grobheit wird er dir nie verzeihen – keines seiner Modelle.


Schon seit Jahrhunderten fasziniert der Füllfederhalter …


… oder die Idee von ihm seine Liebhaber. Im 10. Jahrhundert notierte der islamische Chronist Qadi Noman, als er den ersten Füllfederhalter der Welt erblickte, ehrfürchtig:


Siehe, es zeigte sich, dass es eine Feder war, die man in der Hand umdrehen und kippen konnte, ohne dass Tinte herausfloss.[1]

Von ihm haben wir den ersten Bericht über eine Feder mit eingebautem Tintenbehälter. Bis dahin wurden über mehrere tausend Jahre hinweg Schreibfedern – die Vorgänger des Füllfederhalters – eingetaucht und man war immer auf das bereitstehende Tintenfass angewiesen. Hatten die Ägypter noch mit einer aus Schilf oder dünnem Bambusrohr gefertigten Feder auf Papyrus geschrieben, so bevorzugte man im Mittelalter den Federkiel, mit dem man auf Pergament schrieb. Und der Federkiel blieb in der westlichen Welt auch mehr als 1000 Jahre lang das übliche Schreibgerät: Mit ihm wurden mittelalterliche Urkunden bis hin zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung geschrieben.


Federn aus Metall kannte man zwar schon seit Pompeji, aber erst in der Zeit der industriellen Revolution gelang es, Metallfedern herzustellen, die so fein und flexibel waren, dass man wirklich gut mit ihnen schreiben konnte. Erstmals 1822 wurden sie als ernstzunehmende Alternative zu den Federkielen als Eintauchfeder zum Verkauf angeboten.[2] Den wirklichen Durchbruch erlangte aber erst die 1827 in Birmingham patentierte Füllfeder. Erst hier konnte sich der bereits um das Jahr 1000 gefasste Gedanke auch technisch wirklich durchsetzen.[3]


Es brauchte also schon hier eine lange Zeit von der ersten Idee bis zur ersten akzeptablen Umsetzung unseres divenhaften Freundes.


Denn durchgängig zeigten sich seine ambivalenten Eigenschaften: Zum einen die technische und ästhetische Faszination, die stets von ihm ausging, – zum anderen aber auch seine Zimperlichkeiten wie die Problematik des Auffüllens, sein Klecksen und Auslaufen, sein Kratzen … Alles Dinge, mit denen man immer rechnen musste und auch bei den modernen Modellen immer noch rechnen muss.


Die heutige – um viele seiner Launen bereinigte – Technik des Füllers verdanken wir insbesondere dem ehemaligen Versicherungsmakler L.E. Waterman und seinem Rivalen George Safford Parker[4], deren Namen uns noch immer begleiten, wenn uns das Phänomen Füller fasziniert. Aber jeder, der sich mit ihm anfreunden will – oder es aus schulischen Gründen tun muss – , wird trotz fortgeschrittener Technik einen ähnlichen frustvollen Anfangsweg mit ihm gehen müssen. Und wie oft muss ich das Federmäppchen meines Sohnes säubern oder ist ein Arbeitsblatt bis zur Unkenntlichkeit gebläut, weil sich die Launen meines Sohnes nicht mit den Launen seines Füllfederhalters vertragen haben.


Sich mit seinem Füllfederhalter anfreunden, ist wie Schuhe eintragen:


Die ersten Gehversuche enden oft schmerzhaft, aber dann ist man perfekt auf die Individualität des anderen eingestimmt und will nicht mehr aufeinander verzichten. Also eigentlich wie in einer richtigen Beziehung …


[1] John Z. Komurki u.a.: Schreibwaren. Die Rückkehr von Stift und Papier, S. 93

[2] Komurki, S. 94

[3] Komurki, S. 94.

[4] Komurki, S. 97

by 

 

SchreibStimme.

Zentralstrasse 2a

8610 Uster

kunath@schreibstimme.ch

  • Weiß Instagram Icon
  • Weiß Facebook Icon
  • Weiß YouTube Icon