Frederick and me. Von Mäusen, Dunkelheit und dem Sammeln von Farben

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde grasten, stand eine alte, alte Steinmauer.

Kennt ihr den hier?


Heute ging ich in den Buchladen – in die Kinderbuchabteilung und sagte zu der Verkäuferin: „Ich suche den Frederick …“.


Und noch bevor ich irgendetwas näher erläutern musste, führte sie mich zielstrebig durch Berge von schönen bunten Kinderbüchern jeglicher Art hindurch zu der von mir gesuchten kleinen freundlichen Maus: Frederick.


Ja, Frederick ist eine Maus. Die Maus aus dem wundervollen Kinderbuch von Leo Leonni (1910-1999), die sich entgegen den Regeln seiner schwatzhaften kleinen Mäusefamilie, mit der er hinter der „alten, alten Steinmauer“ lebt, nicht am allherbstlichen Vorrätesuchen und -horten beteiligt, sondern dasitzt und nichts tut – einfach so … scheinbar.


Von den anderen Mäusen wiederholt angesprochen und für dieses müßiggängerische Verhalten getadelt, verteidigt sich Frederick jedoch immer wieder ganz selbstverständlich und ruhig und erklärt, dass er mitnichten nichts tue. Ganz im Gegenteil! Er sammele Sonnenstrahlen, Farben, Wörter, und zwar zu einem klar benannten Zweck: für die kalten, dunklen und langen Wintertage …

Die mehr oder weniger überzeugten Mäuse lassen ihn sitzen, sind sie ja in Eile und mit der Beschaffung ihrer überlebensnotwendigen Naturalien beschäftigt. Denn der Winter rückt mit seiner lebensbedrohlichen Kraft tatsächlich näher und näher und ist dann mit einem Mal auch bei der alten Steinmauer angekommen.


In der ersten Zeit geht es noch gesellig zu. Die Mäusebäuche sind dank der Vorräte gefüllt und ihre gewohnten Geschichten haben noch die Kraft, für gute Laune zu sorgen. Das ändert sich aber bald und die Stimmung wird dunkler und bedrückter und nähert sich mehr und mehr den äußeren winterlichen Umständen an. Auch die Vorräte neigen sich dem Ende zu und „Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen der alten Mauer und keiner wollte mehr sprechen“ …


Depression macht sich breit. Dunkelheit und Trostlosigkeit schleicht sich in die Seelen der bis dahin noch heiteren kleinen Familie. Doch zum Glück erinnern sie sich an Fredericks „Sammlung“ und sprechen ihn darauf an. Dieser hat offensichtlich nur darauf gewartet und klettert auf einen großen Stein, damit ihn auch jeder sehen kann.


Von dieser exponierten Stellung aus schickt er seinen Mäusekumpanen ein kleines Wunder – eigentlich sogar mehrere. Er lässt sie die Augen schließen und erzählt ihnen von den Sonnenstrahlen. Er lässt sie diese imaginieren, so klar und echt, dass sie bis in die verdunkelten kleinen Mäuseseelen vordringen und diese von innen erwärmen können. Nach diesem Einstieg erzählt er ihnen Geschichten von den Farben, ruft ihnen die Schönheit der Sommerblumen ins Gedächtnis und erzeugt nur (!) mittels seiner Worte einen sommerlichen Ort in der grauen winterlichen Steinhöhle. Die Mäuse erwachen mehr und mehr aus ihrer tödlichen Winterstarre und werden immer lebendiger. Aufgeregt fragen sie Frederick nach den Wörtern, die er gesammelt hat und dieser präsentiert ihnen sein Meisterstück: Ein Gedicht!


So wie vielleicht der ein oder andere von euch auch kenne ich Frederick bereits aus meinen Kindertagen und im vergangenen Jahr habe ich es für mich ganz neu entdecken dürfen. Im vergangenen Jahr, als ich – sogar im Sommer - eine kleine Maus im Winter war. Ursprünglich einmal schwatzhaft (sehr!) und fleißig, stets auf die Erfüllung meiner Aufgaben und der Ansprüche anderer konzentriert, hatte ich mich aufgerieben – aufgearbeitet, war ausgebrannt … Die Zeit für die Suche nach wärmenden Bildern und Erfahrungen war knapp gewesen. Die Zeit, um das Schöne und Nährende um mich herum wahrzunehmen zwischen Job, Alltag noch knapper.


Ich war krank geworden. Eine erdrückende Dunkelheit hatte in mir ihren Platz eingenommen und nur ganz langsam – mit der unermüdlichen Hilfe und dem Vertrauen anderer in mich – konnten wieder Sonnenstrahlen in mich eindringen, mich erhellen und langsam - also wirklich unvorstellbar langsam -wieder Worte in mir entstehen lassen.


Gute Worte. Bunte Worte. Erlösende Worte und heilende …


Worte haben eine enorme Kraft! Sie haben einen unmittelbar pragmatischen Wert der Verständigungshilfe, aber sie können darüber hinaus noch viel mehr!



Sie können zerstören – sie können retten. Sie können sich zusammen tun zu Gedichten und Geschichten, die dich durch finstere Zeiten führen und die Halt geben. Sie vermögen, dir das Vergangene in einen Zusammenhang zu bringen und sie können vor deinen Füßen einen neuen Weg entstehen lassen. Einen schöneren, gereifteren, bewussteren.


Worte haben eine ungemein verlangsamende und fokussierende Kraft, wenn Bilder und Erlebnisse zu schnell an dir vorüberrasen. Sie helfen zu sortieren und zu kategorisieren – in immer wieder neuen Anordnungen. Ihre kreative Kraft ist unbegrenzt.


Ein langer beschwerlicher Weg liegt hinter mir, aber heute bin ich viel mehr Frederick als die kleine graue Steinmaus. Und ich genieße diesen wunderschönen Herbst mit seinen Farben, den würzigen Gerüchen, seinem kühlenden Wind, der über mein Gesicht streift und die Hitze der Gedanken abkühlt.

Und mit jedem Atemzug sammle ich diese Eindrücke, weitab von allem Spektaktulärem, was die Menschheit so im Allgemeinen vom Hocker reißt. Einfach nur dasein – die Schöpfung durch sich strömen lassen. Sie detailvernarrt sammeln, festhalten – in Bildern und vor allem: in Worten!

Worte sind Nahrung.


Und wir sollten uns dafür genauso viel Zeit nehmen wie für die physische Nahrung, das Geldverdienen … mindestens! Und wir sollten unsere Zeit für Worte ebenso selbstverständlich verteidigen, wie es Frederick tut.


Eine kleine Maus – Ein großes Vorbild!


So wie das Vorbildliche ja so oft im Kleinen und Unscheinbaren liegt, finde ich.

Versucht es doch auch mal!


Geht los! Sammelt!


Farben. Gerüche. Gefühle. Eindrücke. Stimmungen.


Und schreibt sie auf! In ein Heftchen. Oder auf lose Blätter – wie das herabfallende Herbstlaub.


Und dann, wenn der Winter mal wieder kein Ende nehmen will, dann kramen wir unsere Sammlung hervor und hören uns wieder bei „Frederick and Me“.


Und dann tragen wir unsere Worternte zusammen. Ok?


Mal schaun, was daraus wird! Ich bin gespannt!

Eure Doro 😊

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SchreibStimme.

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