Schöpfungsfrühe. Dialog mit einer Predigt

Aktualisiert: vor 5 Tagen



Seit einer Weile haben wir die Idee, hier in unserem Blog Autoren und ihre Werke vorzustellen, die uns begeistern. Den Anfang macht heute eine Predigt. Ich lese die Predigt, die der Lyriker und Pfarrer Christian Lehnert am 4. September im Grossmünster in Zürich gehalten hat. Sie heisst:


Heimkehr in die Schöpfungsfrühe.


Eine Predigt über einen Text von Paulus, über eine andere Weisheit als die Weisheit dieser Welt, über die Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit. So Paulus. Ein Poet! Und nun Lehnert, ebenfalls Poet und Prediger. Da haben sich zwei gefunden, die es sich nicht einfach machen mit dem Reden über Gott. Das klang nach Stoff für den Blog. Wie würde er über das, was uns übersteigt, reden? Welche Bilder verwenden, welche Gefühle auslösen?


Paulus und Lehnert, das passt. Über Paulus zu predigen, ist nicht einfach. Seine Texte sind schwer und dicht, konzentriert, oft genug zum Verzweifeln. Keine netten Geschichten. Die Predigt kommt mit einer Wucht daher und nähert sich mit autobiographischen Erlebnissen, die es mit der Tiefe des Paulustextes aufnehmen können. Die Erinnerungen sind die stärksten Teile in Lehnerts Predigt. Dort erreicht er eine beunruhigende Tiefe, Fühlbarkeit, Anschaulichkeit. Keine netten kleinen Geschichten, sondern tiefgreifende, umwälzende Erfahrungen, an der Grenze von Leben und Tod.


Den stärksten Eindruck hinterlässt bei mir eine Episode, wo Lehnert von einer urtümlichen Erfahrung in der jüdäischen Wüste erzählt. Ein Regenguss, der es in sich hat:


“Der Regen verwandelte sich über dem heissen Sand und Gestein in einen schweren Dunst, der in Schwaden aus den Senken quoll und einen Treibhausatem barg, warme Feuchtigkeit. Zugleich erwachte ein ohrenbetäubender Lärm – die Insekten, die Vögel, ja die Sandkiesel stiessen Laute hervor, die aus Urzeiten zu stammen schienen, Geburtsschreie und Ohnmachtsröcheln im Schlamm.
Ed, so heisst auf Hebräisch der Anfangsdunst: aber der Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. (Genesis 2,6) Dieser Nebel, der Atemhauch Gottes über der Steppe wird in den biblischen Weisheitstexten zum veränderlichen und unfassbaren Körper der sophia, Gottes Gefährtin von Anfang.”

Ich bin gebannt von diesen Worten, fasziniert, mein Atem stockt, so eindrücklich ist das erzählte Erlebnis vom Regen in der Wüste. Ich kann es hören, das Ohnmachtsröcheln, die Geburtsschreie, und ich verstehe instinktiv die Verbindung zum Nebel am Anfang der Schöpfung.


Dieses Bild, die Weisheit als schreiende Urgewalt, ist neu. Ich habe mich oft und intensiv damit befasst, was in der Bibel und in verwandten Texten über die Weisheit gesagt wird. Dass sie in einigen Texten als Person auftritt, als Frau, ja. Und auch die Verbindung zum Nebel bei der Schöpfung, der aufstieg über der Tiefe. Aber das war immer ein Nebel, wie wir ihn hier kennen, kühler Wasserdampf, transparent, still. Kaum richtig existent, etwas Flüchtiges. Und das passte ja auch zur Weisheit, die etwas Gedankliches, Unsichtbares ist, oder nicht?


Etwas, das im Kopf sitzt.


Der Treibhausatem, den Lehnert beschreibt, ist deftig und warm und laut. Diese Weisheit ist hier keine stille Frau, huschend im transparenten Nebelkleid, sondern schreiend, so wirklich im Hier und Jetzt wie nur etwas wirklich da sein kann! Eine Frau wie eine Naturgewalt. Diese Weisheit ist in den Eingeweiden, im Körper, sie bricht sich unaufhaltsam Bahn, sie erschafft Etwas dort, wo vorher Nichts war. Sie gebiert Neues.


Weisheit, in jeder Zelle unseres Daseins. Der Stoff, aus dem wir sind.


Mit einer anderen Urerfahrung beginnt und endet die Predigt. Lehnert erzählt, wie er in der DDR in den Chemieanlagen Leunas leergepumpte Kesselwaggons von Schwefelsalzresten reinigen musste. Allein, mit Presslufthammer, Ohrschützern, Helm, Arbeitshandschuhen und Gasmaske. Unter der Erde.


“Im Dunkel, Nachbilder wie Flammenkreise, als stürzte dieser kriechende, der züngelnde Raum in sich zusammen. Blendungen, sie schrumpften bald, rasten auf mich zu. Ich hob reflexartig die Arme. Aber ich konnte den Farben keinen Widerstand entgegensetzen, und alles fiel – in mich hinein.”

Allein im Dunkel, das verbindet Lehnert mit Paulus, der durch ein verstörendes Ereignis einige Tage blind wurde und sich danach zum Christen wandelte. Durch die Augen des Predigers sehe ich Paulus, einen verwirrten Mann, der nach einer Erklärung sucht und dafür an den Anfang zurückgeht, an den Anfang der Schöpfung und dort sophia findet.


Wieder ein Bild, das ich so noch nie hatte. Paulus als verstörter Mann auf der Suche nach Erklärungen? So wirkt er ganz und gar nicht, in seinen Briefen präsentiert er sich selbstbewusst und kämpferisch. Es ist verlockend, ihn sich anders vorzustellen, suchend.


Leuna, Regen in der judäischen Wüste. Das sind nicht einfach Illustrationen von etwas, das man auch anders sagen kann. Sondern Annäherung an die Bibel vom eigenen Leben her, mit dem Mut, die eigene Biographie mit der Bibel in Dialog zu bringen. Was verstehe ich? Was hat mich das Leben gelehrt? Wo funkt etwas in mir? Was muss ich erzählen? Ich nicke instinktiv beim Lesen und höre mich laut “Ja!” sagen, als es heisst:


“Glaube ist vielfach zur Ideologie verkommen, und Gottesdienste dienen allzuoft dazu, uns die Transzendenz vom Halse zu halten”.

Diese Predigt holt die Transzendenz so nah heran, dass es stockt im Hals.


Sie beunruhigt. Sie setzt sich ihrem Thema aus. Lehnert kommt, folgerichtig, von der Weisheit und dem Schöpfungsanfang auf das Wesen unseres Anfangs und aller Anfänge zu sprechen. Es ist das Selbstverständliche, das in seiner Sprache Bedeutung und Gewicht gewinnt. Wie wenig wir wissen über unseren Anfang, an das, was vor uns liegt! Nichts wissen wir. Vor unserem Erinnern ist nichts. Wie sehr wir uns dem Anfang verdanken, der einmal war und seitdem alles ist, was ist!


“Heilsam ist das: Am Anfang ist immer die Gabe.”

Ja. Wie leer und hohl könnten diese typischen Predigtworte “heilsam” und “Gabe” sein, aber sie sind es nicht, sie sind vorsichtig gewählt und sie sind vorbereitet. Wenn der Boden gelockert ist durch echtes Erzählen, aufrüttelnde Sprache, dann bedeuten diese Worte etwas. Plötzlich bedeutet es etwas, von “Gabe” zu reden, dass alles geschenkt und gegeben ist.


Am Ende der Predigt führt der Weg aus der Tiefe der Leunagrube wieder ans Licht.


“Noch am Kesselrand … der Anblick des Offiziers, der mich in den Waggon befohlen hatte. Eine grosse Nickelbrille mit dunklen Gläsern und durch den Farbkontrast hervorgehoben die Wangenhaut, unrein und blass, und ich war von einem blinden Vertrauen, von einer merkwürdigen Dankbarkeit erfasst, die seiner blossen Existenz galt. … Ich sah das Pflaster und das Moos, die Schlackenschaufeln, meinen Helm, den Schutzanzug, und ich erinnerte mich: Es gab den Geschmack des Salzes, des getrockneten Schweisses auf den Lippen, das Morgenlicht, wie ein Fresko auf dunklem Grund, die Köpfe der anderen Soldaten, die ihre Schutzmasken ablegten.”

Man muss mitdenken. Wieso werden der Offizier und all die Details erwähnt? Banale Dinge, eine Brille, die Haut, Moos? Ich verstehe, dass es darum geht, alles wahrzunehmen wie zum ersten Mal. Herausgekommen aus der dunklen Höhle, ist plötzlich jedes noch so banale oder hässliche Detail wertvoll und schön. Mit Lehnert fühle auch ich die Erleichterung, da zu sein im Licht, der Weite, meine Sinne zu haben, Salz schmecken zu können, und zu atmen.


“Hören Sie, wie Ihr Atem geht? In uns und um uns, da ist sie. Vor allem Denken und Verstehen, sophia … die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit.”

Da ist sie nun doch wieder in der Stille, im eigenen Atem, unscheinbar und allgegenwärtig. Eingewoben in den Rhythmus unseres Lebens, vom Anfang bis zum Ende:


Weisheit, in uns und um uns.



Christian Lehnert, geboren am 20. Mai 1969 in Dresden, war Bausoldat in Prora und Merseburg. Er studierte Theologie, Religionswissenschaften und Orientalistik in Leipzig, Berlin und Jerusalem. Nach längeren Aufenthalten in Israel und Nordspanien (Santiago de Compostela) arbeitete er als evangelischer Pfarrer im Müglitztal bei Dresden, bevor er als Studienleiter für Theologie und Kultur an die Evangelische Akademie in Wittenberg berufen wurde. Seit 2012 leitet Lehnert das Liturgiewissenschaftliche Institut der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig. Er ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste (seit 2013) und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (seit 2014). Neben Gedichten und Dramen schrieb Lehnert Libretti u. a. für Hans Werner Henze (Phaedra, 2007; An den Wind, 2012) und wurde mit mehreren Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Im Suhrkamp Verlag erschienen die Gedichtbände Der gefesselte Sänger (1997), Der Augen Aufgang (2000), Ich werde sehen, schweigen und hören (2004), Auf Moränen (2008), Aufkommender Atem (2011) und zuletzt die religionskritische essayistische Prosa Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus (2013). (Autoreninfo: http://www.suhrkamp.de/autoren/christian_lehnert_8730.html)

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