Schreibaffären, oder – „Wie du dich ins Schreiben verliebst“

Aktualisiert: vor 6 Tagen



Da ist es wieder, dieses Prickeln!


Immer, wenn wir uns treffen. Es ist aufregend! Nie weiß ich, was dabei herauskommt. Aber ich weiß, dass ich mich gut fühlen werde und immer besser und dass ich mit einem beseelten Lächeln wieder lösen werde, wenn das Stelldichein beendet ist.


Mein Date ist wunderbar! Stellt sich vollständig auf mich ein. Hört mir zu – egal ob ich lache oder tobe, weine oder melancholisch bin. Ich fühle mich angenommen – durch und durch. Mit all meinen trubelbunten Facetten!


Und nur ich allein bestimme, was Thema ist! Offen wird alles angenommen, alles ertragen, alles geduldet. Und ich habe die absolute Freiheit, mich zu melden, wenn ich das Bedürfnis habe – oder eben auch nicht.


Ich bin ganz Abenteurerin! – Gehe vollkommen auf in dem Moment. Egal, was morgen oder in der nächsten Woche sein wird: Wir sind im Hier und Jetzt und alles ist einfach nur richtig so, wie es ist.


Das ist sie! – Die perfekte Affäre!


Aber: Ich bin ein treuer Mensch, ein Bindungsmensch. Zwar liebe ich das Neue und das Knisternde der ersten Momente, doch ich brauche auch Entwicklung und Beständigkeit. Das Leben ist zu kurz für Oberflächlichkeiten – zu kostbar für das Springen von einer Unverbindlichkeit in die nächste.

Neues und Abenteuer, gemeinsame Entdeckungen, prickelnde Augenblicke erhalten ihren vollen Wert für mich oft erst, wenn ich erkenne und spüren kann, dass sie zu Verbundenheit und Nähe geführt haben …


Ich verliebe mich.


Und da beginnt der Konflikt. Ich werde ungeduldig. Möchte der Entwicklung nachhelfen. Will „Beziehung“. Will wissen, auf „welchem Stand“ wir gerade sind. Werde unsicher – mitunter drängelnd und fordernd. Und verstehe die Welt nicht mehr. Man zieht sich zurück. Stillstand.

Immer wieder die gleiche Story?

Geht Affäre nur ohne „Beziehung“ – Beziehung nur ohne Affäre?

Ich will das herausfinden! Und nun ich habe dafür den idealen Partner gefunden:

Das Schreiben – meine Schreibaffäre!


Und das, was ich oben beschrieben habe, das ist sie! Perfekt!


Ich allein stehe im Mittelpunkt. Meine Stimmungen und Reflektionen – mein tägliches Wohl- oder Unwohlbefinden. Die Sprunghaftigkeit meiner Gedanken und Emotionen. Ich genieße das Unverbindliche mit dieser Affäre in vollen Zügen und ich will mich täglich treffen! – Es ist ok. Alles liegt in meiner Hand. Es ist meine Entscheidung. Unverbindlichkeit und Abenteuer bedeuten hier nicht zugleich Mangel an Nähe und Oberflächlichkeit. Und wenn doch – dann ist das meine Entscheidung. Keine Launen – außer meinen eigenen! Herrlich!


Und ich habe Lust auf mehr! Habe ehrliche und wirkliche Lust auf „Affäre jeden Tag“. Auf Beziehung! Allerdings ohne die ganzen dunklen Nebenwirkungen – ohne die quälenden Ängste.


Und ich habe mir Unterstützung geholt.


Habe meine Ratgeber lange und sorgfältig ausgewählt. Kein manipulativer 08/15-Regelscheiß! Keine als Heilmittel getarnten pseudospirituellen Dogmatismen, von denen unsere sich nach Erleichterung sehnende Gesellschaft so durchätzt ist. Da muss man echt spitzfindig sein, um hier die schillernde Spreu vom oft unscheinbar daherkommenden Weizen zu trennen und die wahren Lichter zu finden!


Und nun habe ich sie gefunden: Meine Ratgeber und Wegbegleiter für diese Beziehung. Menschen, die mich ernst nehmen. Von denen kein „Du musst“ kommt, sondern immer ein liebevolles „Versuch es doch mal so … oder so“, „Schau doch mal hierhin“ oder (ganz wichtig!) „Sei geduldig mit dir und wenn’s wehtut, dann mach ne Pause“ … Und für die vor allem immer die eine einzige Frage im Vordergrund steht und zwar: „Wie geht es dir damit? Was passiert da in und mit dir?“


Schreibratgeberinnen sind es und meine liebsten davon heißen: Julia Cameron, Barbara Pachl-Eberhard, Beatrix Schulte, Liane Dirks, die mit ihren hochsensiblen Herangehensweisen an das Thema Schreiben einfach nur wirkliche Seelenstreichlerinnen sind und mir zu wahren Freundinnen geworden sind![1] Sanft sind sie, leise und einfühlsam! Und dennoch klar und deutlich. Echte, kompetente Macherinnen. Überstrahlen leicht und souverän ihre brüllenden Zeitgenossen.


Gute Ratgeber(innen) sind wichtig!


Es gibt Menschen – und davon gehören nicht wenige zu den oben genannten schillernden Heilsverkündern – die den Ursprung des persönlichen Glückes darin sehen, dass der Mensch sein Heil allein in sich und in seiner Individualität sucht. Sie fordern, dass er sich unabhängig von den Meinungen aller anderen machen solle. Ihr Konzept ist kompromisslos individualistisch und nicht selten von einer narzisstisch-manipulativen Marketingmaschinerie gepusht.


Aber der Mensch ist nicht auf Einsamkeit und vollkommene Unabhängigkeit ausgerichtet. Seine evolutionäre Erfolgsgeschichte beruht auf dem Konzept des sozialen Miteinanders. Soziale Interaktion, das Ausbauen von gemeinsamen verbindenden Wertesystemen, das hat die Gattung des Homo sapiens stark werden und überleben lassen. Nur durch seine herausragende Fähigkeit Gruppen bilden zu können, die die Größe eines Rudels weit übersteigen, wurde er erfolgreicher als alle anderen Tierarten auf unserem Planeten.[2]



So braucht der Mensch auch heute noch das soziale Gefüge, in dem er sich geborgen fühlt und sicher. Das liegt in seiner Natur. Er braucht Gleichgesinnte – Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und ihn an ihren Erfahrungen teilhaben lassen und an den Lösungen, die sie dafür gefunden haben.

Und bestenfalls lässt ihm diese Gruppe – und das ist allerding ein moderner und in unserer Zeit errungener Gedanke – gleichzeitig die vollkommene Freiheit, seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Sie bleiben dennoch in Verbindung mit ihm und signalisieren immer wieder: „Du bist ok, so wie du bist. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Du bist geliebt.“

Beziehung bedeutet „in Kontakt sein“.

Beziehung bedeutet auch bereit zu sein, sich mit dem Anderen auseinanderzusetzen und damit, was dieser Andere in einem auslöst. Beziehung, das ist ein vielfältiges Gefüge von Transaktionen. Das ist anstrengend. Das hält nicht jeder aus.[3]

Mein Schreiben hält das aus und es bringt mich täglich in einen liebevollen Kontakt mit mir selber. Und mein Schreiben hält es aus, wenn ich – im Austausch mit ihm – meine Höhen und Tiefen auslote. Wenn ich kunterbunt plappere oder träge schleiche. Wenn ich meine Stärken UND Schwächen erkenne und die Ecksteine meines So-Gewordenseins. Um eine erwachsene Beziehung führen zu können, muss ich das alles kennen. Oder bereit sein, das im Verlauf meines Lebens kennen zu lernen.

Schreiben hält das alles aus!

Es wendet sich nicht ab. Es bewertet deine Höhen nicht höher und deine Tiefen nicht tiefer – wenn du es nicht tust. Die Schreiben ist hier dein ehrlicher Spiegel:

Spieglein, Spiegein an der Wand – wer bin ich …?

Dein Schreiben zeigt es dir.


Mein Schreiben sah über die Jahre gesehen immer wieder anders aus: Mal Gedichte – eines nach dem anderen. Mal kurze, anekdotenhafte Geschichten. Viele viele Tagebucheinträge. Dann wieder kurzweilige Artikel und Miniaturen … Viele kleine Textchen – oder manchmal auch einfach nur Worte. Jedes Mal eine neue kurzweilige Affäre – jedes Mal das kurze Nippen an etwas Großem – Jedes Mal wieder loslassen und neu anfangen …

Und nun langsam: Die Wandlung.


Meine Affären sind beständiger geworden.


Mein Schreiben ist beständiger geworden.


Ich erkenne, dass es irgendwie immer da war und dass da viel da ist, worauf ich aufbauen kann. Ich entdecke die vielen kleinen total aufregenden Spielzeuge, Teilnehmer – die Affärchen drumherum.

Schreiben ist aufregender geworden für mich! Angenehm aufregend! Es hat sich mir als eine kunterbunte Welt offenbart. Eine Welt, die offen ist für so vieles, was Spaß macht. Es hat sich als geduldiger erwiesen, als ich es je war, und ist nun zu einer großen Spielwiese für mich geworden. Und ich übe mittlerweile bewusst Regelmäßigkeit und Beständigkeit mit ihm. Aufregende Affäre oder beständige Beziehung?


Das ist jetzt kein Gegensatz mehr für mich!


Meine Schreibaffären sind auch meine Schreibbeziehung.

Und an meinen vielfältigen, sinnlich-kunterbunten kleinen Schreibaffären möchte ich euch nun in den kommenden Wochen gerne teilhaben lassen und mit euch entdecken, wie vielfältig Beziehung sein kann!


Ich freue mich auf eine prickelnde Zeit mit euch! 🙂


Eure Doro


Unsere aktuellen Workshops für deine Schreibaffäre:

  1. Blogging by Heart. Mit Freude und Ehrlichkeit zu deinem Blog”. Tagesworkshop in Zürich am 26.10. und 29.11.

  2. Schreiben in der Stadt. Eine sinnliche und kooperative Schreibreise durch Zürich” am 16.11.

  3. Kein Tag ohne eine Zeile – schreib dein Jahr 2020. Journaling-Retreat” 3.-5.1.2020


[1] Julia Cameron: Der Weg des Künstlers, München 2009.

Liane Dirks: Sich ins Leben schreiben, München 2015.

Barbara Pachl-Eberhard: Federleicht, München 2017.

Beatrix Schule: Die Seelenfeder, Köln 2017.


[2] Vgl. hierzu die interessanten Ausführungen des Historikers Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, München 2015.


[3] Vgl. hierzu die Ausführungen von E. Berne: Spiele der Erwachsenen, Hamburg 2010.

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SchreibStimme.

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