„Schreiben in Cafés“ – oder: Vom Reiz anderer Orte

Aktualisiert: vor 6 Tagen


Die Bank am Waldrand, Kaffeehäuser und andere Orte


Also mein Schatz, der wollte mal mit mir da oben – auf dieser kleinen Bank am Berg – am Waldrand, dort wo das Wegchen … Also, ihr wisst schon, wo … Dieser kleine geheime Ort, an dem die Fantasie Kapriolen schlägt.


Jeder hat doch so einen Ort, von dem er träumt. Diesen Ort, an dem sich für ihn seine geheimen Sehnsüchte erfüllen. Aufregende Gedanken sind es, die wir mit diesem Ort verbinden. Warmes Prickeln und angenehm wohlige Schauer, die dir durch den Körper fließen.


Manchmal, da kann so eine Fantasie auch mal Realität werden. Und wenn wir Glück haben, dann ist diese Realität auch ähnlich aufregend, wie es zuvor der Traum war. Wenn wir noch mehr Glück haben, dann ist sie sogar noch aufregender.


Der Traum, den mein Schatz mit mir ausleben wollte, ist für uns leider nicht zur Realität geworden. Aber er lebt, seit er mir davon erzählte, in mir weiter. Und neulich, da habe ich mein Schreibzeug gepackt und bin zu dieser Bank gegangen. Und was soll ich sagen – in dieser Beziehung hat´s geklappt: Ich hatte ein wunderbares und erfüllendes Schreiberlebnis.


Das Schreiben an anderen Orten hat schon immer eine besondere Bedeutung im Dasein von Schreiberlingen gehabt. Die Tradition der Kaffeehausliteratur ist legendär und bekannte Werke großer Autoren haben in deren Lieblingscafés Gestalt angenommen.


Der beliebte Schreibratgeber „Schreiben in Cafés“ von Natalie Goldberg baut mit seinem deutschen Titel auf der Grundeinstellung auf, beim Schreiben immer wieder auch einmal die Perspektive zu wechseln. Raus aus dem gewohnten Schreibraum hin zu anderen Plätzen.


Der Ort, an dem du schreibst, beeinflusst deine Perspektive – deine Wahrnehmung – deinen Blickwinkel – und nicht zuletzt auch die Stimmung, in der du schreibst. Und ist der gewählte Schreibort neu für dich, dann kann durchaus überraschend sein, was da mit dir passiert. Womöglich ganz anders als zunächst gedacht.


Deine Sinne sind ganz anders gespitzt, denn du hast dich – im Kleinen zwar – auf Reisen begeben und du kannst deine Umgebung und dich darin neu entdecken.


Ein innerer Ort wie eine Fotografie


Der Ort, an dem du schreibst, bleibt in dir haften wie eine Fotografie. Und selbst, wenn du dich in deinem Schreiben gar nicht direkt auf den Ort beziehst, an dem du bist: Er wird, wenn du dein Geschriebenes wieder liest – und sei es wissenschaftlich-analytischer, journalistischer oder lyrischer Natur – immer vor deinem inneren Auge auftauchen, mit all seiner sinnlichen Ästhetik, seinen Stimmungen und Wesen, die dort waren, als du schriebst.


Du wirst den Kaffee riechen können oder die Wärme der Sonnenstrahlen auf deiner Haut spüren. Du wirst die Geräusche hören und die sich die Kuchenkrumen vom Nachbartisch stiebitzenden Spatzen sehen können … Wie eine Postkarte begleiten dich die Eindrücke, wo du doch eigentlich – ja, was eigentlich? Ja, wo du doch eigentlich gearbeitet hast.


Als ich mich nun zu der kleinen berüchtigten Bank – und damit auf die Suche nach einem verloren gegangenen Traum begeben hatte – da war nichts mehr davon da von dem freudvollen Prickeln, das ich verspürt hatte, als mein Freund mir seine Fantasie verriet.


Vielmehr war ich in melancholischer Stimmung und ich merkte, dass der Abschied, den ich meinte, in den vergangenen Wochen und Monaten bereits erfolgreich abgeschlossen zu haben – noch immer im Prozess war. Ich merkte, dass der Zorn und das Dunkel, in dem ich den Schlussstrich gezogen hatte, schon lange nicht mehr die beherrschende Kraft war, die mich lenkte, sondern vielmehr eine traurige Sehnsucht danach, dass doch alles anders verlaufen wäre.


Dass wir beide unsere positiven Kräfte mehr hätten füreinander bündeln und uns damit einen Weg hätten bereiten können, der uns vielleicht irgendwann tatsächlich einmal zu dieser Bank geführt hätte … hätte hätte hätte …


Während ich so auf dieser Bank saß und schrieb, da spürte ich aber auch die tröstende Freundlichkeit ihrer Umgebung. Der weite Blick über den See, der sich unten vor mir ausbreitete, befreite meinen Geist, und ich konnte nach einer emotional-turbulenten Zeit, in der mir nichts anderes übrig geblieben war, als einem geliebten Menschen Lebewohl zu sagen, wieder all das Schöne vor mir ausgebreitet sehen, das mich – trotz aller Differenzen – mit diesem verbunden hatte.


Ganz klar sah ich, was ich von ihm alles bekommen und wo er mir – entgegen meiner damaligen Wahrnehmung – seine Zuneigung gezeigt hatte. Die Geschenke dieser Liebe lösten sich von den Dramen und schwammen nun klar wie kleine Inseln vor mir auf dem See: Kleine schwarze Trauerinseln neben fröhlich bunten Freudeinseln.


Und dazwischen auch viele mit abenteuerlichem Urwald bewachsene Inseln. Jene Inseln, die mir in der gemeinsamen Zeit noch so furchterregend erschienen waren, und auf denen er wie ein wildes fröhliches Äffchen umhergetobt war und mich hatte mitnehmen wollen. Jetzt erschienen sie auch mir viel aufregender und ich war auf einmal traurig, dass ich sie nicht mehr mit ihm gemeinsam würde entdecken können.


Sicher gab es auch die eine oder andere hübsche kleine Bank auf diesen Urwaldinseln, die wir gemeinsam in Besitz hätten nehmen können und von der wir neben all den verschiedenen Blickwinkeln, die jeder von uns zur Genüge mitbrachte, auch immer wieder den gemeinsamen Blick auf das Leben um uns herum und in uns drin hätten schulen können.


Aber jetzt schwamm alles erst einmal ganz klar und befreiend vor mir auf diesem See. Ich hatte einen Überblick über das Chaos in mir bekommen – Indem ich meinen gewohnten Schreibort gewechselt hatte.


Bevor ich ging, blickte ich noch einmal genauer auf das Wasser und meinte, an einer Stelle vor einer besonders abenteuerlich anmutenden Urwaldinsel viele wilde Blubberblasen erkennen zu können.

Und ich war mir sicher, dass die von jenem kleinen abgetauchten Fisch im See stammen mussten, der nun seit ein paar Monaten dort unten am Grund seinen emsigen, ihn niemals zur Ruhe kommen lassenden Angelegenheiten und Geschäften nachging: Von mir nicht mehr gesehen.


Ich spitzte die Ohren … Und ja, ich hörte sogar ganz leise die Frösche seine wunderbare, aufregende und eigenwillige Musik quaken … Irgendwo da unten in weiter Ferne …


Und lächelnd flüsterte ich ihm ein „Alles Gute“ in die Abendsonne und wünschte ihm, dass er einen erfüllenden Ort für seine Wünsche, Träume und Hoffnungen finden möge, den er einmal vorhatte, mit mir gemeinsam zu suchen.

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SchreibStimme.

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