"Verhüten verboten!" – Oder: Deine Worte – deine Kinder.

Aktualisiert: vor 6 Tagen


ICH – WILL – BABYS!


Und zwar ganz ganz viele! Diese niedlichen Krabbelchen, die brabbelnd mit jedem Tag die Welt neu entdecken. Sie sich frei für sich und ihre Bedürfnisse erobern. Ohne Scheu. Ohne Respekt vor den Entdeckungen ihrer erwachsenen Vorgänger, die sich die Welt bereits in feste Formen gegossen, sie sich – und allen anderen – erklärt, die Matrix der Werte und Geschichten des Lebens bereits unhinterfragbar definiert haben.


Ich liebe diese kleinen Anarchisten, die einfach alles auf den Kopf stellen und wieder in den Kessel des Diskutablen werfen. Für uns selbstverständliche Dinge wie Zeit, Nahrungsaufnahme, Ästhetik … Sie stellen uns – die großen Erklärer – vor die Aufgabe, uns und unsere Einstellungen zu hinterfragen. Das ist anstrengend. Und aufregend!


Aber wir lassen es uns gefallen. Denn sie sind dabei so hilfsbedürftig, so niedlich und so wunderbar liebenswert: Jedes Einzelne – winzig klein, aber vollkommen und perfekt in sich vollendet. Jedes eine eigene Welt.


Und jedes von ihnen trifft sie genau – jene verdammte Lücke in unserem Definitionssystem, die wir schon gar nicht mehr sahen. Und deshalb will ich sie haben! Babys! Ganz ganz viele!


Wie schön, dass ich meine Schreibbeziehung habe – denn die hält das aus!


Welcher Menschenmann würde diesem leidenschaftlichen Ausruf standhalten? Ich stelle mir meinen letzten Partner vor, der zwar grundsätzlich dem Fortpflanzungsgedanken nicht abgeneigt war. Aber er wäre – auf seine eigene, ganz spezielle Weise … ja, er wäre auf und davon. Hätte viele viele Gründe gefunden, um sicher abtauchen zu können. Wenn ich mir sein Gesicht vorstelle. Schade, dass ich es nicht einmal versucht habe. 😉


Aber ich bin ein Schreiberling. Und Worte sind es, von denen ich spreche. Denn Worte sind es, die ich täglich aufs Papier bringe. Denen ich somit Leben verleihe – die ich gebäre. Natürlich sind diese Worte nicht immer neu. Eigentlich sind sogar die allerwenigsten wirklich „neue“ Worte. Aber ich sammle sie – setze sie zusammen – zu Texten und neuen, bisher noch nicht dagewesenen Sinngefügen. Das ist nicht immer sonderlich originell und für den Außenstehenden sieht es vielleicht auch oft gleich aus – oder zumindest sehr ähnlich. So wie für manche ja auch ein Baby wie das andere aussieht – aber dennoch sind sie immer etwas unterschiedlich.


Für Menschen, die das Schreiben für sich als Ausdrucksform entdeckt haben – egal, welchen Zweck sie damit verfolgen – gilt deshalb die oberste Maxime:


Bloß nicht verhüten!


Denn wir wollen schwanger werden – und wir wollen gebären. Vielfältigste Wort- und Sprachgefüge, Bilder, Emotionen, Stimmungen – all dies soll entstehen. Wenn da nicht immer dieses lästige Verhüterli – eigener und oft auch anderer – Erwartungen wäre. Der innere Zensor ist laut und unheimlich stark – oftmals absolut reißfest. Im Gegensatz zu seinen Kollegen aus der körperlichen Welt … Der absolute Lustkiller! Die totale Spaßbremse!


Schreibsex macht nur Spaß OHNE Erwartungs-Kondom!


Schreiben muss fruchtbar sein dürfen – nur dann gibt es dem Leben einen erfüllenden Sinn.


Leider vermitteln uns im deutschsprachigen Raum Schule und Co. das Schreiben als ein festes Regelwerk mit Regeln für alles: Rechtschreibung, Grammatik und nicht zuletzt auch für Formen, in die wir den Text – je nach Absicht – zu gießen haben. Erörterung und Co. haben in allererster Linie einem funktionalen Zweck zu dienen. Es sind Textformen, die uns auf die unsere Gesellschaft tragenden Berufsformen im Wirtschafts- und Rechtsleben vorbereiten sollen. Fruchtbare Kreativität zu fördern und damit Menschen, die Systeme in Frage stellen und ihr Leben nach unkonventionelleren Mustern gestalten können, ist nicht das Ziel der Schulen, die der Staat uns bietet und die er akzeptiert.

Wir stecken mittendrin und superfest in diesem Kreativitätsverhüterli und es braucht einiger Kniffe und Tricks, bis man zumindest mal klitzekleine Löchlein hineingepiekst – geschweige denn sich seiner ganz entledigt hat.


Als brave Lehrerin habe ich meinen Schülern selber oft kritiklos diese Formen übergestülpt. Und ich finde sie ja auch nicht ganz reizlos, da sie uns im analytischen Denken schulen und als anspruchsvolle Knobelaufgaben durchaus interessant sind. Aber sie unhinterfragt als DIE einzig akzeptable Formen des Schreibens zu vermitteln und nicht auch ihre Gegenspieler des Kreativen Schreibens mit ihren ganz eigenen (Nicht-)Regeln gebührend zu würdigen, halte ich für verantwortungslos.


Es ist nicht fair und in hohem Maße manipulativ, die Lernenden nicht auch mit der anderen Seite der Schreibmedaille bekannt zu machen. Die Seite, die ihnen zu den in den Lehrplänen ebenfalls postulierten Werten wie der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und der Mündigkeit – d.h. der freien Entscheidungsfähigkeit auf Basis umfassenden Wissens und Kompetenzen – verhelfen soll. Das an den Schulen vermittelte Schreibwissen ist allerdings gelenkt und exklusiv dem funktionsorientierten Schreiben gewidmet. Alles andere wird mit Näherrücken des Schulabschlusses systematisch und immer mehr ausgeblendet – und somit als „wertlos“ über Bord geworfen.


Aber wie erhalte ich mir mein Schreiben, das mir und meiner kreativen Fruchtbarkeit förderlich ist – wie erhalte ich das Schreiben als meinen Freund wieder zurück?


Am besten schaffe ich dies durch schreibendes Herantasten – langsam, von allen Seiten. Durch schrittweises und beharrliches Enttarnen – immer und immer wieder. In allen nur denkbaren Varianten.


Im Folgenden stelle ich euch drei meiner Lieblingsmethoden vor, die ich regelmäßig anwende und die mir jede für sich auf eine andere Weise helfen, in einen kreativen Schreibfluss zu kommen:


1. Das „sinnlose“ Schreiben anhand der Morgenseiten nach Julia Cameron. Auch „automatisches Schreiben genannt:


Jeden Morgen nach dem Aufstehen schreibe ich drei Din-A-4-Seiten voll mit … einfach allem. Hin und wieder blicke ich auf, aber tatsächlich schreibe ich nur. Meistens bin ich noch komplett dösig. Oft dröhnt mir der Schädel von wirren Traumgeflechten, die mich in der Nacht davor ans Bett genagelt haben … Ich bin also in einer Verfassung, in der „Sinnhaftigkeit“ wirklich das Letzte ist, was geht. Aber ich schreibe – oft tatsächlich würge ich die Worte einfach nur hoch, die mir mein Zustand erlaubt, und verhelfe ihnen so zur Artikulation.


Und das soll „Sinn machen“? Tatsächlich ist genau dies der Sinn und Zweck dieser Übung: Katharsis – Reinigung. Durch absolute Sinnfreiheit.


Der frühe Morgen – oder dann „wenn halt mein Morgen ist“, wie eine liebe Freundin von mir – begnadeter Morgenmuffel wie ich – dazu einmal sagte – eignet sich dazu besonders gut. Keine Ansprüche – keine Regeln – keine Grammatik oder Rechtschreibung – keine Logik, keine Normen – oder wie sie sonst noch alle heißen, die Kumpane, die einem das Schreiben zur Qual machen können.Einfach nur Bewegung deines Stiftes über das Papier. Es müssen nicht mal Worte sein – nicht einmal Laute wie in der wunderbaren Welt der Dadaisten!


Die Schreibratgeberin Barbara Pachl-Eberhard denkt das Ganze sogar noch konsequenter weiter, indem sie eine Methode vertritt, in der man schreibt, ohne zu schreiben – d.h. sich seinen Text nur denkt und dazu einen Stift vollkommen frei über das Papier gleiten lässt. (1) So weit bin ich bei meinen Morgenseiten zwar noch nie gegangen, aber das Grundprinzip des kathartischen Schreibens findet sich in allen genannten Varianten: Hauptsache Schreiben! Hauptsache, einen Stift über das Papier bewegen!


An den ersten zwei Morgen habe ich diese drei Seiten ausschließlich damit beschrieben, wie schrecklich ich es finde, dass Julia Cameron hier eine Kreativitätsmethode propagiert, die Randgruppen wie mich und andere passionierte Morgenmuffel nun nicht nur gesellschaftlich, sondern auch noch in der Kunst diskriminiert.


Dann bin ich süchtig geworden. Mittlerweile stehe ich ganz selbstverständlich dafür auf, der meistgeschriebene Satz von mir lautet: „Ich brauche Tee“ und ich bin glücklich! Denn ich weiß, diesen Satz könnte ich über drei Seiten konsequent immer und immer wieder schreiben, wenn die Sinnlosigkeit in mir es braucht. Und danach würde es mir super gehen! Nicht happyhappy – aber aufgeräumt und sortiert.


Probier es mal aus – einfach ein paar Tage hintereinander. Aber befolge die zwei einzigen Regeln dazu: 1. Es muss gleich nach dem Aufstehen sein. 2. Es müssen drei Seiten sein. Ansonsten seid ihr vollkommen frei!


2. Methode: „Mein Lieblingswörtersee“ nach Sandra Miriam Schneider:


Hier geht es darum, spielerisch nach den eigenen Lieblingswörtern zu „tauchen“. Unsere Lieblingswörter zeigen uns zu einem großen Teil, wer wir sind, bzw. wer noch so alles in uns schlummert. In einem ersten Schritt wendet man sich den Worten an der Oberfläche des Sees zu. Schreibt einfach alle auf, die einem einfallen, und betrachtet sie danach. Dann geht es los mit dem „fischen“: In Zeitschriften, in Gesprächen, in Radiobeiträgen – überall, wo man unterwegs ist gilt es „Ohren gespitzt!“ und schöne Worte gesammelt.


Die einzige Regel für diese Übung ist es, sich Zeit zu lassen und zu vertrauen. Denn einmal seinen Fokus auf diese Aufgabe gerichtet, werden dir die Worte zufliegen.

Ich mache diese Übung seit ein paar Wochen mit meinem Sohn gemeinsam. Wir haben ein großes Blatt aufgehängt, auf dem wir unsere Wörter sammeln und gemeinsam die Fische in den See werfen. Unsere Lieblingswörter kannst du auf dem Beitragsfoto sehen.


3. Die dritte Methode ist eigentlich gar keine Methode …


… sondern einfach nur die innere Haltung zu deinem Fischen nach Worten, deinem wunderbar-sinnlosen Fließenlassen von Sprache.


Diese Haltung heißt Spass! Spass! Spass! … Und Freude am Spiel!


Keine Grammatik-, Rechtschreib- oder andere Regeln! Damit ziehst du dir schon wieder das Verhüterli über. Forme deine Worte – einzelne Worte – Lieblingsworte – oder auch Kotzworte, Grunzworte, Lachworte, Weinworte. as da alles so in dir hochkommt – und baue eine Beziehung zu ihnen auf! Sie sind deine Babys – und sie sind es wert, dass du ihnen Beachtung schenkst und dass du sie liebevoll behandelst.


Sie haben nicht recht, die inneren und äußeren Stimmen, die deine Sprache nur für gut befinden, wenn du Regeln befolgst. Ganz im Gegenteil: Die Regeln hindern dich daran, deine ganz eigene freie Sprache zu sprechen!


Nimm sie an, deine wunderbar anarchistischen Kinder, die dir den Spinat ins Gesicht spucken, weil er ihnen nicht schmeckt, und die es einfach nicht interessiert, dass dieses schmierige grüne Zeug angeblich Sinn machen soll!


Habe Spass an deiner Sprache! Und gebäre – gebäre – gebäre!


🙂 Deine Doro


(1) Barbara Pachl-Ebehard: Federleicht, S. 44 ff.

(2) Sandra Miriam Schneider: Achtsames Schreiben, S. 51

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