Warum eigentlich Angst vor dem weißen Blatt? – Oder: “Die Poesie der Freiheit“

Aktualisiert: vor 6 Tagen



Weiß. Weich. Samtig. Sanft.


So breitet es sich vor mir aus. Bereit, zu empfangen. Ich schnuppere daran – atme den holzig-zarten Geruch. Tief und glückverheißend breitet er sich in mir aus. Nimmt mich in Besitz als Raum der Entfaltung. Liebevoll gleitet mein Blick über die Fläche vor mir. Zärtlich streiche ich mit meinen Händen darüber.


Hier wartet die Freiheit auf mich! Sie lädt mich ein, mich zu entfalten. Meinem Innersten Gestalt zu geben und eine Form, die ich davor noch nicht dafür hatte. Den Urgrund meines Seins lockt sie hervor – bereit sich mit ihm zu vereinen.


Das Weiß ist Poesie – Die Leere ist Freiheit.


Einladend und zärtlich. Nur für mich und meine Flirts mit der Sprache. Die Spiele, die meinen Schreib- und Lebensweg begleiten.


Vielbeschrieben ist sie – die „Angst vor dem leeren Blatt“.


Aber müsste sie nicht eher viel besungen und gelobt werden, als die „Poesie des weißen Blattes – Die Poesie der Weiß-heit“, die uns einlädt zu einer Begegnung mit uns selber. Denn das ist Sprache: Begegnung mit dir und all deinen Facetten.


Papier ist ebenso vielgestaltig wie du!


Es kann rein und samtig-zart daher kommen. Es kann fest und undurchsichtig sein – aber auch hauchzart und schimmernd-fragil. Es kann uns in grober Form begegnen oder aber elegant. Wie Büttenpapier geprägt oder mit der Oberfläche des Pergaments uns einladen, in alten Zeiten zu schwelgen. Es kann grob geschöpft sein mit verspielt-ausgefransten Kanten.Es kann liniert – kariert – gepunktet sein – oder ganz einfach nur blank.


Sogar der Weißton kann unterschiedlich gewählt sein:


Ein Blatt Papier kann kalkweiß oder schneeweiß, kreideweiß oder lilienweiß, doverweiß oder indischweiß sein; auf glattem Perlweiß, das freundlich glänzt, schreibt es sich anders als auf rauhem Recycling-Weiß, das immer so herausfordernd gräulich ist.

So ein anderer Papierliebhaber.[1]

Mein liebster Farbton ist die Farbe mit dem wunderbaren lyrischen Namen “Ivory”. Allerdings muss Papier auch nicht immer weiß sein. Das wäre viel zu kurz gegriffen! Auch Schwarz hat seinen Reiz oder der bräunlich-schäbige Grundton von grobem Packpapier. Den liebe ich besonders!Wie spannend ist es, herauszufinden, was die unterschiedlichen Farbtöne aus einem herauszulocken vermögen.

In welcher Schreibstimmung bin ich heute? Welche Oberfläche brauche ich dafür?

Menschen, die ihr Leben dem Schreiben gewidmet haben, pflegen oftmals auch eine liebevolle Affinität zu Papier. So besaß beispielsweise Friedrich Schiller immer mehrere Varianten Papiers in seinem Haus, bei dem jedes einem anderen Zweck diente. Aus seinen Papierbestellungen im Jahr 1799 lässt sich die Bedeutsamkeit erkennen, die Papier für einen professionellen Schreiberling schon zu dieser Zeit hatte: Er ließ sich damals 400 Bogen „Stitzerbacher Schreibe Pappier“, 24 Bogen „blaues vom selben“ und 200 Bogen holländisches Briefpapier schicken:


Holländisches und englisches Velinpapier waren besonders gefragt, weil seine Oberfläche besonders gleichmäßig und glatt war.[2]

Unterschiedliche Zwecke erfordern unterschiedliches Papier.


In unserer funktional-pragmatisch ausgerichteten Welt kennen und verwenden wir hauptsächlich entsprechendes Druckerpapier. Allenfalls variiert die Grammstärke pro Quadratmeter und – je nach Umweltbewusstsein – die entsprechende Einfärbung des Ökopapiers. Papier ist etwas Nebensächliches. Das Element, das ich brauche, um zweckmäßig und rasch digitale Quickies produzieren zu können. Dementsprechend einseitig und zweckdienlich ist es auch beschaffen.


Schreiben jedoch ist etwas Persönliches. Und jeder, der regelmäßig schreibt, führt eine Beziehung mit seinem Schreiben. Und Beziehung kann gestaltet werden – muss gestaltet werden, wenn ich mich darin wohlfühlen will. Ganz bewusst. Dementsprechend kann ich auch das Medium, auf dem ich diese Beziehung entfalte, bewusst auswählen. – So wie ich auch die Bettwäsche, in der ich meinen Liebsten verführen will, bewusst wähle: Lieber Satin als groben pragmatischen Seersucker? Lieber Farbe oder lebhaftes Muster?


So viel Freiheit! – Allein schon bei der Auswahl des Untergrundes …

Papier ist ungemein sinnlich! Ist Freiheit in ihrer sinnlichsten Form.

Aber: Freiheit ist, wie wir wissen, ein höchst ambivalentes Gefüge. Wir alle wollen sie und sehnen uns danach. Aber ist sie da, ist sie oft wie verwandelt: Gespenstisch leer und hohl. Wahre Weißheit vermag auch Ängste zu wecken. Und je wertvoller das verwendete Papier, umso größer kann die Hemmschwelle sein, diese Freiheit auch voll auszukosten und zu genießen.


Wir sind qualitätsbewusst. Haben zu viel bereits gelesen. Wissen, wie etwas geschrieben und gestaltet sein muss, wenn es Gefallen finden soll. Und wir wollen gefallen! Es liegt in der innersten Natur des Menschen, gefallen zu wollen. Kein noch so individualistischer Ansatz kann diese Tatsache wegreden. Und es ist auch nicht schlimm, dass wir das wollen. Nur darf es uns nicht zur Fessel werden.


Das sind die Fesseln der Freiheit: Die andere – vergilbte – Seite des Blattes. Und denen gilt es zu entrinnen. Die Antwort heißt für mich allerdings nicht Individualismus um jeden Preis – nicht schöner reden oder hinwegaffirmieren. Nicht Erhabenheit demonstrieren, wo Hilflosigkeit herrscht! Diese Welt lasse ich einfach links oder wo auch immer liegen.

Die Antwort heißt klar und schlicht und ganz einfach nur Spielen. Das kindliche und unbefangene Spiel mit der Sprache.


Zum Beispiel:

Worte formen!

Fantasieworte!

Tanzworte und Singworte!

Stampfworte und Schwingworte!

Spielworte und Reimworte!

Lachworte und Weinworte!

Traumworte!

Schaumworte!

Lachworte!

Krachworte!

Siegesworte und Frustworte …


Ja, und nicht zu vergessen: Liebesworte! Und Lustworte! Bloß nichts, was „Sinn“ macht!


Das Spiel ist der Sinn – sonst nichts!


Probier es aus, wie es ist, wenn die Weißheit des leeren Blattes dich zum Tanz auffordert! Zum Tanz der Worte: Deine Worte – Dein Tanz! Deine von dir gestaltete liebevoll-spielerische Beziehung.

Probier es aus, wie unterschiedlich es sich anfühlt! Auf samtigem, gröberen, hauchzärtlich-dünnem, weißem, grauem, gelblichem Papier zu schreiben. Es ist dein Liebesspiel! Trau dich!

Ganz altmodisch – mit einem Stift – oder besser gesagt: deinem Schreib-Liebhaber und -Gehilfen. Aber davon werde ich ein anderes Mal erzählen.


Schreiben ist ein Spiel. Die spielerisch-sinnliche Begegnung mit dir selber. Und die befreiende Weiß-heit des leeren Blattes ist die Fläche. – Die lustvoll-liebeszärtliche Spielfläche dieser Begegnung mit dir selber!


Deine Doro


[1] Ludwig Harig in Marbacher Magazin 68, 1994, S. 5.

[2] Hanns-Josef Ortheil, Mit dem Schreiben anfangen, S. 35.

by 

 

SchreibStimme.

Zentralstrasse 2a

8610 Uster

kunath@schreibstimme.ch

  • Weiß Instagram Icon
  • Weiß Facebook Icon
  • Weiß YouTube Icon