Frederick and Me II, oder: Der Hibiskus im November und der kreative Prozess

Aktualisiert: 17. Okt 2020


Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.

(Meister Eckhart)

Mein Hibiskus trägt Blüten.


Ganz unerwartet. Plötzlich. Im November.


Den ganzen Sommer über hat er – seit ich ihn im Juli aus Hamburg mitbrachte – geschwiegen.

Doch jetzt, wo bereits das Heidekraut meine Fensterbänke schmückt und langsam Zypressen und Weihnachtssterne in meine kleine Dachwohnung ihren Einzug halten, da zeigt er auf einmal seine saftigen und stolzen roten Blüten.


Vollkommen unverhofft und nicht mehr wirklich erwartet. Ehrlich gesagt nicht nur für dieses Jahr, sondern endgültig. Noch nicht einmal mehr für den nächsten Sommer hatte ich noch Hoffnung in seine Lebenskraft gesetzt …


Und seltsamerweise zeigen sich auch an anderen Stellen in meinem Leben auf einmal Blüten, wo vorher lange Dürre geherrscht hatte, und scheinen mir so gar nicht in die typische Rolle eines tristen, den Abschied des Jahres einläutenden Novembers zu passen. Kontakte zu lieben Freunden aus der Schulzeit erhalten wieder Leben, mein Sohn fühlt sich mehr und mehr wohl in der bis dahin verhassten Schule, und ich, ja ich krieche nach langer Zeit aus meinem kleinen Mauseloch hervor, entdecke das Texteschreiben für mich neu und traue mich sogar, durch Friederikes positive anerkennende Art motiviert, diese auf diesem Blog zu veröffentlichen. Wie in Aufwachen nach einem langen, langen Schlaf fühlt sich das für mich an – ganz zu schweigen von dem wohlwollenden und annehmenden Feedback, das ich von euch erhalte.


Ja, irgendwie wache ich in diesem Herbst auf und gehe zurück ins Leben und dieser elfte Monat ist der erstaunlichste Teil dieses Aufwachens für mich.


Allerdings fügt sich der November mit seinen warmen sonnigen Tagen und dem leuchtend beschienenen Herbstlaub in diesem Jahr ohnehin überhaupt nicht in die ihm gewohnte zugeeignete Rolle. Sind euch mal die kräftig-golden leuchtenden Birken aufgefallen?


Wunderbar!

Frech!

Sympathisch!


Ich bin ein Fan von derartigen (Aus-)Brüchen aus vermeintlichen Rollenbildern und Erwartungen, die sich das Leben einfach so nimmt hin und wieder! Die Momente, in denen es zeigt, dass wir Menschen zwar vieles wissen, vorausdeuten, interpretieren und auch regeln können, aber dass wir ihm damit nie wirklich das Wasser reichen können: dem Leben und seiner Eigendynamik.


Und rückblickend war es immer diese vom Leben selbstverwaltete Dynamik, die mir die bedeutendsten Momente und die größten Wendepunkte beschert hat. Allem voran meinen wunderbaren kleinen Jungen: Raffiniert, wann und wie sich dieser in mein Leben geschummelt hat – damals vor 10 Jahren!


Aber auf langen Lebensdurststrecken, da vergesse ich manchmal das Vertrauen in diese Dynamik – auch wenn sie sich so oft schon bewährt hat. Meine Schritte werden langsamer – schleppender – geraten irgendwann beinahe ganz zum Stillstand. Stop.


Und dennoch ...


Moratorium nennt die Entwicklungspsychologie diese Zeit des scheinbaren Entwicklungsstillstandes[1], in dem sich doch so vieles ganz fein und leise ineinanderfügt, während wir – gemessen am Dynamikideal unserer Gesellschaft – im Stillstand stehen. Scheinbar.

Denn unmerklich stellen sich die Weichen, die einem dann auf einmal wieder freie Fahrt signalisieren – oftmals in eine bis dahin ungeahnte und nicht selten auch ungeplante Richtung.

Ihr wisst bereits, dass ich - wie mein Mäusefreund Frederick - Worte sammle. Doch was passiert dann mit diesen Worten?


Das möchte ich euch heute verraten.


Oft wirbeln sie erst einmal in einer losen unsortierten Sammlung anarchisch durcheinander: Auf dem Papier, in mir, in der von mir verwendeten gesprochenen Sprache – überall.


Und dann – teilweise nach Wochen oder gar Monaten erst – fügen sie sich ganz plötzlich zusammen. Zu einem Ganzen oder sogar auch zu mehreren ganzen Teilen. Das müssen dann allerdings nicht immer unbedingt Texte sein. Es kann auch einfach erst einmal eine neue Form der Anordnung sein.

Vor ein paar Jahren wurde aus so einer neuen Anordnung und Sortierung von bis dahin umeinandergewirbelten Worten ein Gedicht.


Es hatte davor und auch danach Gedichte von mir gegeben, aber dieses eine war es, durch welches ich mich selber begann als Lyrikerin zu bezeichnen: Es die Initiation in einen neuen – und bedeutenden – Teil meines Ich: Eine Identitätsfindung.


Ich bin immer sehr zögerlich, mir diverse „Titel“ zuzugestehen – viele erkenne ich noch nicht einmal dann an, wenn sie mir von außen gegeben werden, und ich mache mir das Leben dadurch nicht unbedingt leichter. Aber bei diesem wusste ich es einfach.


So wie ich nach der Geburt meines Sohnes auch unverrückbar gewusst hatte, dass ich nun eine Mami bin. (Ein Titel, auf den ich übrigens sehr stolz bin und dem ich versuche, mich mit all den dazugehörenden Aufgaben als würdig zu erweisen …)


Ich schreibe Gedichte, seit ich ungefähr 12 Jahre alt bin. Und seltsamerweise war mir das lange überhaupt nicht bewusst gewesen. Bis vor sechs Jahren, als das Gedicht entstand, das ich euch natürlich gleich vorstellen möchte.


Aber zuvor möchte ich euch noch einmal dazu auffordern, es zu tun! Ja! Zu sammeln!


Eindrücke

Stimmungen

Farben

Worte

Alles!


So wie Frederick und ich es so leidenschaftlich tun.


Stellt euch dem Chaos, das diese Sammlung in euch erzeugt und lasst sie durcheinanderpurzeln – So lange sie wollen! Ja richtig: So lange SIE wollen! Nicht ihr!


Gestaltet sie immer wieder neu: Auf Zetteln – Collagen – in Verbindung mit Fotos – und in euch.

Nehmt euch hin und wieder ein wenig Ruhe und schaut, ob sie sich schon zu etwas Ganzem fügen wollen, und prüft, ob das Moratorium bereits vorbei ist und eure Sammlung bereit, sich irgendwie zu einem Ganzen formen zu lassen.


Und wenn nicht, dann prüft, ob die Sammlung vielleicht noch nicht abgeschlossen ist und Ergänzung braucht.


Dieser Vorgang nennt sich Prozess und ist – nebenbei bemerkt – für die allermeisten (mich eingeschlossen! Und wie!) nur äußerst schwierig auszuhalten und zu durchwandern. Denn er passt einfach nicht in eine planbar gemachte und erwartete Welt, die sich an vermeintlichen Hardfacts (Ich hasse dieses Wort! Es manifestiert für mich eine Lüge …) entlangangelt und so tut, als wäre sie für uns Menschen berechenbar.


Und die Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns dieser kleinen Sammelaufgabe stellen, ist Teil eines entstehenden Bewusstseins für den Prozess des kreativen Entstehens: unserem eigenen kreativen Prozessbewusstsein. Und je öfter wir uns solchen kleinen Aufgaben (mit absoluter zeitlicher Freiheit!) stellen, desto mehr Nahrung erhält auch unser Vertrauen in diese natürliche Dynamik.

Das bewusste Erleben eines solchen Prozesses mit allem Drum und Dran – Sammlung, Chaos, Stillstand, Ergänzung, Rückschritt, Fortschritt, Verwerfen, Verfluchen, Entstehen … - ist eine ungemein spannende Erfahrung – versprochen!


Und dann – irgendwann – trägt dieser Prozess auf einmal Blüten, selbst dann – oder vielleicht sogar gerade dann – wenn das Projekt totgeglaubt wird … Wie mein Hibiscus.

Das Leben ist klüger als wir. Es bahnt sich immer wieder seinen Weg.

Ich fände es übrigens total spannend, wenn ihr mir von euren Erfahrungen etwas auf dem SchreibStimme-Blog mitteilen könntet!


Das Aushalten von Chaos und scheinbarem Stillstand ist ein mühsamer Weg, der, wenn wir ihn mit anderen teilen, vielleicht etwas leichter zu gehen ist.


Probieren wir es aus – dafür ist SchreibStimme ja da! 😉

Ich freue mich auf euch!

Eure Doro 😊

Und nun noch mein Gedicht …


Metamorphose

Ich bin

Im Werden - Im Entstehen

Im Sterben - Im Vergehen

Im Siechtum - Im Geborenwerden

Bin eingepuppt und spinne

mich Faden für Faden ein.

- Bin im Cocon

Und unerreichbar

für jeden

der mich meint zu kennen.

---Stört mich nicht!!!---

Ich bin

Im Siechtum - Im Vergehen

Im Werden - Im Entstehen

Im Sterben - Im Geborenwerden

Ich komme bald wieder - vielleicht

Als was?!

--- Wir werden sehen ---

[1] Um ganz präzise zu sein, wurde der Begriff von Erik H. Erikson für die Entwicklungsphase zwischen der Kindheits- und der Erwachsenenidentität eingeführt. Mittlerweile finden sich in der Entwicklungspsychologie auch andere Theorien und begriffliche Einordnungen für diese Zeit, aber mit hat sich dieser Begriff eingeprägt und ich finde ihn für vergleichbare Zeiten im Leben nach wie vor sehr passend.

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