Voll daneben oder Volltreffer? – oder: Die Gedanken sind frei!?


„BIN KACKEN MIT BLAU!“

Meine Schwester LIEBT diesen Satz!


Es ist IHR Satz!


Und sie genießt es in vollen Zügen, wenn sie ihn bewusst in einer Runde neuer, möglichst gediegen auftretender Menschen platziert. Dabei suhlt sie sich in den Blicken der Umstehenden … steckt sich mit ungerührter Miene eine Zigarette in den Mund und zündet sie an. Dann wirft sie sich die Hundeleine über die Schultern und präsentiert einen grandios lässigen Abgang. Noch im Abgang ruft sie: „Blau, komm!“ und ein riesiger schwarzer Schnauzer setzt sich freudig-trottend in Bewegung und folgt ihr treudoof mit dem Schwanz wedelnd auf den sehnlichst erwarteten Spaziergang: Ihr schwarzer Riesenschnauzer mit dem Namen „Blau“.


Wen mag es überraschen, dass diese Szene jedes Mal eine grandiose Wirkung entfaltet – ganz im Sinne der dramatischen Ambitionen der anderen Tochter meiner Mutter. Aber was ist es, was diese Wirkung so treffsicher erzielt?


Voll daneben!


Natürlich kann ich jetzt versuchen, diese Wirkung auseinanderzunehmen und zu analysieren, kann das ordinäre Wort hervorheben, das bewusst provozierend in einem nicht adäquaten Kontext gesagt wird. Das überhaupt LAUT ausgesprochen wird und bei dessen Appetitlichkeit und Angemessenheit man durchaus diskutieren kann …


Man kann dazu noch den durchaus nicht gebräuchlichen Namen einer Farbe für einen Hund diskutieren oder die Frage nach der Integrität der Person stellen … undsoweiterundsoweiter …

Und: Ja! Sowohl der schwesterliche Auftritt als auch semantische Entfremdung oder besser Neukontextualisierung lassen hier nicht nur die Herzen durchschnittlich tratschaffiner Spießbürger höher schlagen, sondern auch die überdurchschnittlich interessierter Linguisten und Sprach- und Schreibliebhaberinnen mit Sinn für Außergewöhnliches (und einem Sinn für derben Humor … nebenbei bemerkt 😉)


Ich selber würde von mir behaupten, dass ich bereits JEDE dieser Perspektiven eingenommen habe – einschließlich die der peinlich überaus berührten großen Schwester.


Neben dem Schreiben an anderen Orten und dem Sammeln von Worten – zwei meiner größten Schreibleidenschaften - ist eine weitere Leidenschaft von mir das Zusammensetzen der gefundenen Worte zu neuen Wortgebilden und das Bilden neuer Bedeutungszusammenhänge.


Oder Volltreffer?


Wenn ich mir jetzt den eingangs genannten Lieblingssatz meiner Schwester noch einmal ansehe, dann … Ja, dann finde ich ihn eigentlich gar nicht mehr so voll daneben. Vielmehr setzt er einen Volltreffer bei mir. Denn er weckt eine Erinnerung an Zeiten, als auch ich noch völlig ungehemmt mit Sprache experimentierte. Als die Wörter um mich herum noch hüpften, sangen und sprangen und ich die Leichtigkeit genoss, mit der ich sie mir schnappte, wie übermütig umher flatternde Schmetterlinge!


Es war die Zeit meiner Jugend, als ich mit 14/15/16 Jahren die Freiheit und Schnelligkeit meiner Gedanken entdeckte. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben spürte, dass ich ein unabhängiges Lebewesen bin, das sich aus der Vielzahl der Worte um sich herum die auswählen konnte, die mir am ehesten entsprachen. Und dass ich mir daraus eine Persönlichkeit formen konnte.


In Freiheit! Unabhängigkeit! Leichtigkeit!


„Die Gedanken sind frei!“

Das konnte ich nirgends besser und schöner empfinden, als wenn ich mit Worten jonglierte. In interessanten Gesprächen in Schule, mit Freunden – DAS war für mich die schönste Seite des Erwachsenwerdens!


Ohne Angst, mit meinen Wortspielen anzuecken, wie sie mich heute niederdrückt? Die gab es damals noch nicht. Es war viel eher eine Art Nervenkitzel bei der Sache! Genau zu wissen, dass ich wieder anecken würde! Ich war mutig. Kraftvoll! Ganz anders …


Den Mittelfinger zeigen


Singe ich da tatsächlich gerade eine Ode an die Jugend?! Tatsächlich!

Nie hätte ich gedacht, dass ich das jemals tun würde! … Denn eigentlich bin ich keine Odensingerin auf Vergangenes! Vielleicht sollte ich es mehr werden!


Denn mir wird auf einmal schlagartig bewusst, wie schwer meine Sprache als Erwachsene mittlerweile geworden ist. Wie bewusst – und so viel langsamer als früher – sich meine Worte in meinem Kopf zusammensetzen. Heute. Fast 30 Jahre später.


Wie streng die Zensur – wie eng ihr Gürtel … Im Innen wie im Außen.


Irgendwann gab es da wohl einen Zeitpunkt, an dem ich begonnen habe, sie einzulassen: Die Kritiker und die Nörgler … Genau die, die ich zuvor noch so gerne provoziert hatte!


Meine Schwester hat sich offensichtlich mehr aus dieser Zeit bewahrt. Mehr Freiheit und waghalsige Experimentierfreude. Das zeigt allein die ungewöhnliche Namensgebung ihres Hundes. Sie weiß, dass sie damit aneckt. Vielmehr noch: Sie genießt es! Und dafür hat sie stets den passenden Finger vorzeigebereit. Provokation liegt in ihrem Wesen – ganz selbstverständlich.


Ihre Freunde schätzen sie für diese Eigenschaft und lieben das Prickeln ihrer sprachlichen Unberechenbarkeit. Und auch ich blicke deshalb tatsächlich ein klitzekleinwenig zu meiner kleinen Schwester auf, bewundere sie und nehme sie in Schutz gegen die Gestrenge in mir.


Zwar schreckt sie nicht vor ordinären Worten zurück – und verbittet sich da auch jegliche Zensur. Aber was soll ordinär daran sein, sich frei seiner Sprache zu bedienen? Sie hat Spaß daran und – wenn man es sich erlaubt – auch man selber. Dazu fügt ihr anrüchiges Sprachspiel niemandem Schaden zu!


Anders als die verschleiernden Wortnebelschwaden vermeintlich viel kultivierterer Menschen es oft tun.

Meine Schwester redet nicht lange um den heißen Brei herum, sondern benennt Zustände genau so, wie sie sie wahrnimmt. Die Zuhörer werden damit oftmals aus ihrem Alltagssprachtrott aufgeschreckt und aus ihren mantrischpalavendernden Lügengeschichten. Das ist für viele sehr unangenehm.


Sprache ohne Verstecke


Die Sprache meiner Schwester bietet niemandem ein Versteck, nicht einmal ihr selber. Sie ist geradlinig und offen – so wie ich es damals war – ohne Sorge um eventuelle Konsequenzen. Obengenannter Lieblingssatz meiner Schwester führt zweifellos zu geschmacklich unterschiedlichen Reaktionen aber er ist aus dieser – freundlichen – Sicht vor allem eines: Mutig!


Aus linguistisch-semantischer Perspektive ist er dazu noch eines: Kreativ! Und er zeigt uns ein Potential auf, das wir oft viel zu wenig ausschöpfen: Die individuelle Gestaltbarkeit unserer Sprache.

Mit nur ein paar kleinen Veränderungen in Satz- oder Wortbau, können wir ganze Bedeutungssysteme neu schaffen. Wir können Spaß haben und Leichtigkeit erzeugen.


Ja, diese Leichtigkeit und Spaß sind es, an die ich nun zurückdenke und die mir die Sprache und die Lust am Spiel mit den Worten damals gegeben haben:


Meine Sprache! – Meine erste große Liebe!


Ist meine Schreibbeziehung vielleicht doch mehr als nur eine kurzweilige Affäre, die ich hin und wieder aufleben lasse, wenn ich Stift und Papier zur Hand nehme?


Ist sie vielleicht sogar mehr, als eine Leidenschaft, die ich erst vor zwei Jahren mit intensivem Journaling begann, bewusster auszubauen?


Führe ich vielleicht tatsächlich eine feste Schreibbeziehung, die ihren Ursprung in dieser damals entdeckten Freude an der Sprache genommen hat? – Meiner ersten großen Liebe!


Und jetzt erinnere ich mich: Ja, auch meine erste zwischenmenschliche Liebe war zu dieser Zeit! Und für sie schrieb ich mein erstes Gedicht. Das Erwachen großer Gefühle – begleitet von dem Erwachen meiner Sprachleidenschaft …


Schreibaffäre – oder Schreibbeziehung …?


Eine große, unvergängliche Liebe – die im Verlauf meines Lebens viele Höhen und Tiefen durchwandert hat. Und die ihren Ursprung in niemand anderem hat als in mir selber… Auf was für Gedanken man nicht alles kommen kann, wenn nur eine*r es mal wagt, sich vollkommen frei heraus und hemmungslos unkonventionell der Wörter um sich herum zu bedienen und so an deinem alltäglichen einlullenden Sprachschlummerschlaf rüttelt:


Vom erleichternden Waldspaziergang mit Hund – zur ersten große Liebe!


Ja, leck mich doch am Donnergrummel!


Bin Kacken mit Blau: Der schwesterliche Startschuss zur Befreiung meiner Gedanken!


😊 Eure Doro





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