Die Kunst auszusteigen. Wie du Prokrastination besiegst und deine Texte fertig bekommst

Aktualisiert: Okt 17




Quitters never win & winners never quit.

Ich bin extrem gut in Prokrastination. Andererseits bin ich ein Finisher-Typ. Ich mache das Marmeladenglas ganz leer. Drücke den letzten Rest aus der Zahnpastatube raus. Stelle einen Text lieber fertig als einen neuen zu beginnen. Lese ein Buch zu Ende, wenn ich es begonnen habe. Sehe den Film bis zum Ende.


Esse auf, was auf dem Teller ist.


Auch wenn ich das Beginnen liebe, so ist es doch eigentlich immer der Gedanke an die Vollendung, der mich befeuert. Das letzte Wort geschrieben, die Datei abgespeichert und weggeschickt. Den Artikel auf WordPress veröffentlicht. It’s done! Erledigt! Da werde ich enthusiastisch.


Das heisst allerdings nicht, dass Abschliessen leicht für mich ist! Dummerweise bin ich super in Prokrastination. Die angefangenen Aufsätze sind schon von digitalem Staub überzogen, Ideen im Embryonalstadium fristen massenweise ein Dasein irgendwo in den Tiefen meines Laptops.


Mich stört das massiv. Ich glaube sogar, dass es damit zu tun hat, dass ich eben ein Finisher bin! Was ich anfange, das beende ich auch. So ist es irgendwo in meinem Persönlichkeitsprogramm gespeichert. Das ist mir völlig natürlich. Wenn auch später oder auf andere Weise – aber ich beende die Dinge. Sonst? Fühle ich mich einfach seltsam, komisch. Eine Sache angefangen zu haben, lässt mich unruhig zurück.


Nur: Meine Zeit ist begrenzt. Ich gerate unter riesigen Druck und in Erschöpfungsgefahr. Meine Ansprüche, meine Vorstellung davon, wie die Dinge auszusehen haben, wenn sie denn fertig wären, macht es nicht besser. Im Gegenteil! Perfektionismus lässt grüssen.


Also habe ich in den letzten Jahren eine neue Art des Beendens gelernt. Eine, mit der ich meine „It’s done!“ Hochgefühle bekomme, mit der ich Dinge abschliesse – ohne sie aber richtig zu vollenden. Eine Methode, mit der ich meine Prokrastination ganz gut besiege.


Mehr über den Finisher-Typ und sein Gegenteil, den Opener-Typ, erfährst du in diesem Live-Video von mir: Klicke einfach auf diesen Link.


Ich nenne es die Aussteiger-Methode.


Ich erkläre Unfertiges für fertig. Ich nehme die Fragmente und löte sie notdürftig zusammen, poliere ein wenig und Tadaaa! Fertig!


„Quitters never win and winners never quit?“ Quatsch. Um zu gewinnen, ist es essentiell aussteigen zu können. Den harten Cut machen zu können.


Mit der Aussteiger-Methode habe ich meine Magisterarbeit fertig gestellt. Mit dieser Methode habe ich meine Doktorarbeit fertig bekommen und abgegeben. Sie war eigentlich ein Gebilde mit grossen Lücken. Ein ganzes Kapitel des Hauptteils fehlte – es fehlte wirklich, das sahen auch die Gutachter so! – dazu ein vernünftiger Schluss und eine umfangreichere Einleitung. Eigentlich war ich mittendrin. Ich wusste, was noch zu schreiben wäre, damit es rund würde. Aber ich habe es gelassen. Ich habe die Arbeit mit Ecken und offenen Enden abgegeben. Sie hatte eine Einleitung und einen Schluss und sie hatte genug Substanz, es reichte. Es war genug. Ich wusste, sie würde gut sein, interessant, originell.

Das Wichtigste war: Ich wollte das ganze beenden. Ich wollte das Verfahren durchhaben und meinen Titel. Ich wollte weiter.


Finish war wichtiger als perfect. Ende war wichtiger als vollendet.

Seitdem mache ich es immer wieder so, ich steige aus anstatt die Sache „richtig“ zu vollenden. Nehme meiner Prokrastination die Luft zum Atmen.


Ich biege, mittendrin im Thema, ab direkt aufs Ziel zu.


Sage mir: Ach komm, da ist eine nette Idee drin, das reicht! Niemand weiss ja, was ich noch dazu sagen wollte. Niemand kennt das perfekte Bild, das ich im Kopf hatte. Und niemand wird es je perfekt nach seinen eigenen Massstäben finden. Jeder wird etwas anderes vermissen. Und weisst du was? Das ist gut!


Es ist gut, wenn die Dinge nicht abgeschlossen sind, nicht rund. Es ist gut, wenn Texte offene Enden haben. Wenn sie nicht alles wissen, nicht alles beantworten, nicht alles beachten.


Die Makel in meinem Text machen ihn menschlich.


Die Makel in meinem Text laden ein – zum Weiterdenken, Kommentieren, Weiterspinnen.

Ein Text, der keine Fragen offen lässt, ist ein schlechter Text.


Überlege einmal: Lässt du Dinge offen in deinen Texten? Spürst du die offenen Enden und zeigst es trotzdem her? Ohne sie zu verschleiern, ohne so zu tun, als ob es sie nicht gäbe?


Beim wissenschaftlichen Schreiben geht es ja eigentlich um Konversation. Ich finde, auch beim Bloggen sollte es genau so sein. Ein Text ist ein Gespräch, der Fäden von anderen aufnimmt und seine eigenen an die Nachfolger weiterreicht. Es entspricht der wissenschaftlichen Ethik, die Grenzen der eigenen These klar zu markieren, die offenen Enden also sichtbar zu machen! Das braucht natürlich Mut und viele denken, es gehe darum, die eigenen Grenzen und Schwächen zu verstecken.

Das stimmt aber nicht.


Zu sagen: Schaut her, damit habe ich mich beschäftigt, zu diesem einen Punkt kann ich etwas sagen, aber da ist vieles andere, das wurde nicht bedacht – das ist so sympathisch und entwaffnend!

Es gibt den Punkt, da haben wir den Zenit überschritten, die Pointe gesagt. Dann ist gut.


Ja, ich bin ein Finisher. Deshalb liebe ich es, meine Vorhaben abzuschliessen. Aber in Prokrastination bin ich noch besser! Deshalb habe ich gelernt, Dinge mit offenen Ende zu beenden. Das Unfertige fertig zu erklären.


Nur eines noch. Was du dafür brauchst, ist: Mut!


Die Kunst auszusteigen, verbindet gesunden Realismus mit einem Sprung des Glaubens. Wie andere Künste kannst du sie erlernen und üben. Und es wird leichter mit der Zeit.

Auszusteigen.


It’s done!


Kommentiere doch unter diesem Artikel: Bist du ein Finisher oder ein Opener? Wie ist das für dich mit dem Abschliessen, dem Beenden und Vollenden?

Herzlich, Friederike


Inspirationen zu diesem Artikel kamen mir von https://www.psychologytoday.com/us/blog/fixing-families/201804/the-art-quitting-when-and-how-move (Originalzitat: The art of quitting is the art of combining rationality and reality with a leap of faith. Like other challenges in life, this one too gets better with practice . . . and strong doses of courage.) und aus dem Buch “Better than before. Mastering the Habits of our Everyday Lifes” von Gretchen Rubin (Idee vom Opener vs. Finisher).

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