„Die Macht der Sprache!“ - Oder: Vom Mut, die eigene Sprache zu finden!


Da ist er wieder: Dieser Tonfall, die fordernden Worte, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Beißend, kalt, ungeduldig, fordern … Und es ist erst 8 Uhr in der Früh … Ich bin noch nicht einmal richtig wach – bräuchte eigentlich noch den Schutz meiner kleinen Wohnung, der vertrauten Umgebung meines Zuhauses. Aber ich muss hier sitzen, wenn ich die Chance, einen weiteren Berufsabschluss zu machen und wieder am Arbeitsleben teilhaben zu können, nicht verstreichen lassen will.


Und dann steh SIE da … Die Ausbilderin, die uns hauptsächlich unterrichtet. Eigentlich kein schlechter Charakter. Eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann und die sich für ihre Schüler einsetzt, wenn sie sich in dem von ihr erwarteten System bewegen und sich an die dort herrschenden Regeln halten. Und darin erwartet sie viel: Leistungsbereitschaft, Pünktlichkeit, Einhalten der zeitlichen Rahmen. Und sie ist träge Gestalten gewöhnt, die es brauchen, dass man sie pusht, dass man sie aufweckt in der Früh, damit die verschlafenen Gemüter und der Geist ins Rollen kommt. Sie ist sie gewöhnt und: sie erwartet sie. Das typische Bild des trägen, sich gegen den Lehrstoff wehrenden Schülers.


Aber das bin nicht ich!


Ich bin: Erstarren. Entsetzen. Frostung. In der Begegnung mit ihr. Mit der Schublade ihrer Erwartungen! Die kalten alten Vertrauten meiner Kindheit, wenn ich sie hörte – die Worte dieser Zeit. Damals.

Sie bissen, schlugen quälten mich! Und sie lobten, umjubelten und pushten mich.

Die Parolen einiger Lehrer und einer narzisstischen Pflegemutter.


Sie forderte – immerzu. Unerbittlich. Nie war es genug. Nie war es richtig. Nie war ICH richtig!

Zu selten einfach nur beruhigend dahinplätschernde Mitte. Und wenn sie dann doch einmal da waren, die friedfertigen Worte des gemäßigten Mittelweges, dann war ständig mit einer neuen Explosion zu rechnen … Jederzeit.


Mein Alltag: Ein unberechenbarer Vulkan mit vielen Hotspots, an denen er ausbrechen konnte – jederzeit. Ich war beständig auf der Hut – ein stetig sich zum Wegducken bemühender Straßenhund auf der Hut vor plötzlichen Attacken. Alle Sinne offen! Jederzeit! Absolute Wachheit – die einzige Überlebensstrategie …


Die brutale, erschütternde Macht der Wörter mit ihren Erwartungen dahinter. Und des sie transportierenden Tones.


Die Macht der Sprache!


Sprache kann dich niederstrecken! Sie kann schlagen, kratzen, beißen! Das lernte ich damals.

Und früh lernte ich die Welt als einen Ort der Unberechenbarkeit kennen und ich entwickelte daraus eine kompromisslose Sehnsucht. Und als ich mit 18 aus einem mir zur Hölle gewordenen Zuhause auszog, schwor ich mir, mir eine solche Welt zu suchen: Eine freundliche Welt des Mittelmaßes – der Toleranz – und des Friedens.


Nie wieder boshafte Worte! Nie wieder endlose Nörgeleien! Nie wieder Misstrauen und Eifersucht!

Das war die Zeit, als ich lernte, die Sprache des absoluten Gefallens zu sprechen.


Nur wenige Jahre später lernte ich ihn kennen, der mir genau das bieten sollte: Den Mann, bei dem genau das vorhanden war: Emotionaler Frieden und Mitte, distanzierter Umgang. Die Gesprächsthemen stets an der Oberfläche – nie in die Tiefe kratzend. Nichts Aufwühlendes. Niemals existenziell.


Er arbeitete in einem großen Rückversicherungsunternehmen und seine Ausbildungslaufbahn war geradlinig und ohne Kapricen durch Banken und betriebswirtschaftliche Universitäten verlaufen.


Sein Habitus unemotional und eher träge.

Seine Sprache: nüchtern, stets betont sachlich.

Sein Duktus: Über den Dingen stehend.


Es gab viel – sehr viel! – das er aus der Sprachwelt, in der ich mich in meinem Alltag mit Studium der Theologie und Germanistik und in meiner Gedanken- und Empfindungswelt bewegte, nicht verstand. Von dem, was mich faszinierte.


Aber das störte mich nicht – im Gegenteil! Ich fühlte mich bei ihm sicher und geborgen. Gerade wegen der Abwesenheit von Emotionen und aufregenden Themen. Denn von denen hatte ich mehr als genug für uns beide!


Wenn wir uns mit seinen Freunden trafen, dann waren auch dort die Gespräche stets durch Berufliches und den Austausch, was denn „dieser“ oder „jener“ jetzt gerade machen würde, geprägt. Die Branchen: durchgehend Betriebstwirte, Juristen, Lehrer – alle grundsolide.


Dann noch ein paar Gespräche über harmlose Hobbies, den Sport – und ein friedlicher Abend war garantiert. Es waren leichte Gespräche ohne Tiefgang – und ohne Risiko! Ich war in Gesellschaft – nicht allein! Die lauten Stimmen in mir schwiegen. Vollkommen anders, als wenn ich alleine war und sie in mir tobten und tosten und die Oberhand gewinnen konnten: Die Sprache meiner Kindheit – verstummt war sie nie.


Wie dankbar war ich für diese neue so beruhigend-langweilige Gesellschaft meines frühen Erwachsenenalters!


Aber es gab da auch noch einen anderen Teil in mir.


Einen wachen Geist und messerscharfen Verstand, die gefüttert werden wollten. Der Teil von mir, der sich nach gehaltvollem Austausch sehnte und existenzielle Fragen nach Glauben, Gott, dem Ursprung, stellte und die Frage nach einer guten menschenfreundlichen Lebenseinstellung reflektierte.


Aber dieser Geist forderte nicht. Das ließ ich nicht zu und ließ ihn verkümmern. Er bekam seinen Platz im Studium und später im Beruf: Mehr gestand ich ihm nicht zu.


Zuhause galten die Themen meines perfektionistischen Mannes – der Alltag, die Sonderangebote bei Aldi, die Hemden, die es zur Reinigung zu bringen galt … – Themen rund um ein perfekt mittelmäßiges Leben mit angemessenem Standard und dessen Organisation und Optimierung. Seine Themen: Die im Außen viel erwarteten, aber mein Innerstes unberührt ließen. Seine Themen. Und: Seine Sprache.


Anfangs so dankbar und bereitwillig übernommen, merkte ich immer mehr, wie mir diese Sprache zum Gefängnis wurde: Unser Lebensstandard wuchs beständig – und mit ihm die Grenzen unseres Horizonts. Das war der Preis, den ich für meinen inneren Frieden zahlte.


Je perfekter das Leben wurde, das wir nach seinen Maßstäben führten, desto goldener und dicker wurden die Stäbe meines Käfigs. Und bald war er wieder da – hatte er durch ein Hintertürchen wieder zu mir gefunden: Der Terror des perfekten Lebens – des perfekt geführten Haushalts – des perfekt geputzten Hauses – des perfekt gekochten Essens und des optimal strukturierten Tages. Der Terror der Erwartungen an mich als eine „perfekte“ Hausfrau und Mutter!

Spätestens, als wir unseren Sohn bekamen, war er wieder omnipräsent. Und die Stimmen meiner Vergangenheit stimmten jubelnd mit ein in den Chor meiner neuen Gegenwart.


Schließlich brach ich aus.


Mehr und mehr erstarb ich innerlich und schließlich brach ich aus. Doch der Ausbruch gelang nur teilweise. Wenn wir heute – bereits 7 Jahre nach der Trennung – über unseren gemeinsamen Sohn kommunizieren, sehe ich mein Gefängnis wieder in seiner ganzen ungeschminkten (und brutalen) Realität – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz – vor mir: Denn er spricht über unseren Sohn wie über ein Arbeitsprojekt.


Da fallen Phrasen wie „wir müssen noch die neuen Regelungen zum Umgang finalisieren“ und „Ich möchte gerne die Kommunikation über XXs schulische Leistungen optimieren …“.


Wenn mein Sohn Probleme mit ihm hat, dann sind dies „Komplikationen“, die durch das Einhalten von „Regeln“ „zu vermeiden“ sind, und wenn der Kleine den Aggressionen seiner neuen Stiefmutter ausgesetzt ist und darunter leidet, dann spricht er von „Diskrepanzen, die aufgrund normaler Widrigkeiten in Patchworkfamilien nun mal auftreten und durch das Kind willentlich provoziert würden“.


Ich sehe mich dann auch heute noch einem Kommunikationspartner gegenüber, der den emotionalen und seelischen Bedürfnissen eines Menschen das Sprachfeld seiner Arbeitswelt überstülpt. Vollkommen selbstverständlich und unreflektiert. Die Sprache seines Alltags, seines Lebens: Die Sprache, in der er 8-10 Stunden täglich mit seinen Kollegen im Büro kommuniziert. Die Sprache, in der er spricht, wenn er einen Fehler in einer Excel-Funktion ausfindig machen muss. Die Sprache, in der er Firmenprojekte plant mit Kollegen oder reflektiert.


Mir jagt es regelmäßig Gruselschauer durch den ganzen Körper! Aber eines hat sich seit meiner Trennung von diesem Menschen verändert: Heute weiß ich, warum!


Wie finster waren die Zeiten, als ich lediglich das unerträgliche Unbehagen spürte, wenn ich mit ihm sprach und mit meinen Bitten nach Wärme, Verständnis, geistiger Flexibilität zu ihm vordringen wollte, aber nicht formulieren konnte, woher dieses Gefühl stammte. Als ich ihn noch unhinterfragt ließ und sein Sprach- und Denksystem akzeptierte, ohne es kritisch zu reflektieren!


Überall suchte ich nach der Ursache: Vor allem bei mir! Und dann fand ich sie: In der Unterschiedlichkeit unserer Sprach- und Denksysteme. Ich habe eine ebenso schmerzhafte wie lehrreiche Zeit hinter mir, in der ich mich – durch die Untersuchung der Sprachsysteme meiner Kindheit und meiner frühen Erwachsenenzeit als Ehefrau – schrittweise befreit habe aus mich normierenden Systemen.


Dann fand ich eine neue Sprache.


Ich habe die Freiheit der Sprachkunst kennen und lieben gelernt! Bin zu einer Sprachsuchenden geworden und habe gelernt, dass ein undifferenziertes, beklemmendes Gefühl nicht der Abbruch von Sprache sein muss, sondern vielmehr eine Aufforderung dazu, weiter zu suchen – nach Wörtern, Sätzen, Bildern, Formen – und damit wild zu experimentieren, bis dein Gefühl dir sagt: DAS ist es, jetzt hast du den richtigen Namen gefunden!


Mein Eheversprechen habe ich damals aufgekündigt mit der Begründung: „Seine Sprache hörte da auf, wo meine erst anfing zu leben!“ Und heute, da weiß ich mehr denn je, was ich eigentlich damit meinte!


Szenenwechsel:


Friederike und ich unterhalten uns in einem Zoom-Call mit einer Lyrikerin und Essayistin. Eine Frau, die als Kind vor Jahrzehnten nach Deutschland kam.


Sie ist auf der Suche. Ihr eigentliches Anliegen ist die Suche nach einer Sprache für die Erfahrungen ihrer Generation und die Erlebnisse ihrer Eltern, die selbst kaum über das ihnen Widerfahrene sprechen können. Eine Generation des Schweigens, tief versunken in den Strudeln der erfahrenen Traumata: Dem Trauma das Ausgegrenztseins, des Nie-genug-Seins gefolgt von dem Trauma ihrer Generation: des Nicht-Gehört-Werden-Wollens, des gewaltsamen Gestopftwerdens in bereits passend erscheinende Schubladen.


Und nun ist sie da, eine Sprachsuchende und Findende. Eine Künstlerin! Und sie passt nicht in die Schubladen der gängigen Verlagsbranche und auch Kunstbranche. Genauso wenig wie ich damals in die für mich bereitgehaltene Schublade als Ehefrau und Mutter passte oder heute in die Schublade der perfekten Berufsschülerin.


Ich höre ihr zu und spüre ihre starke Betroffenheit, als sie uns davon erzählt, wie sie von einer Zeitung, für die sie schreiben sollte, in eine Schublade gepresst werden sollte. Dabei hatte sie so viel zu sagen! So viel mehr! So viel Wichtigeres! So viel Befreienderes und Anderes.


Jedoch: Das will man meist nicht sehen! Man will keine Individuen in den Zeitungen und Verlagen. Man will Menschen, die das vorherrschende Schema erfüllen und bestätigen. Man will nicht erkennen und vorwärts sehen, man will sich im Kreis bewegen und bisher Gesagtes durch immer gleich Wiederholtes zementieren, bis daraus ein großes schützendes Gedankengefängnis entstanden ist.


Ich sah ihr Ringen und spürte beinahe körperlich, wie sie sich unter Aufbringung all ihrer Kräfte und Betroffenheit gegen das Verschließen der für sie geöffneten Schulblade stemmte.


Ich spürte mein eigenes Ringen ums Gehörtwerden. Das Flehen darum, vom Gegenüber gesehen zu werden mit dem, was MICH ausmacht. Die Verzweiflung, wenn ich wieder zu etwas gemacht werden sollte, das ich nicht war und nie sein würde.


Dann zeigte sie uns ihre beschrieben Blätter, die Moodboards ihrer Texte – und ich sah sie herausspringen aus der verhassten Schublade. Sah, wie sie den Sprung tat – so wie ich es damals tat und auch heute immer wieder tun muss, wenn ich den Triggern meiner Vergangenheit begegne.


Während sie uns von ihren Geschichten und Gedichten erzählte, da sah ich sie springen!

In die befreiende Welt, in der Sprache Kunst sein darf. In der Sprache Kunst sein MUSS!

In der Wörter, Sätze und Bilder gefunden werden WOLLEN für Dinge, die viele Menschen Zeit ihres Lebens mit ihrer Wortlosigkeit gequält haben.

Ihre Befreiung von der Macht der Sprache durch die Macht der Sprache!

Ihr Mut zu ihrer ganz eigenen Sprache!


Und du? Springst du auch?


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Ich springe: Im Herbst 2021 erscheint bei edition SchreibStimme mein Erzählband "Verlorenes Glück". Im Zuge der Verlagsgründung läuft ab 19. April eine Crowdfunding-Kampagne, wo du uns unterstützen kannst. Es gibt zahlreiche Belohnungen, z.B. exklusive Lesungen mit mir, handgeschriebene Gedichte oder sogar ein persönliches Gedicht von mir für dich. Schau dir hier die Kampagne an: https://wemakeit.com/projects/edition-schreibstimme.

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