Kein Tag ohne eine Zeile. Tagebuch zwischen Heilung und Literatur

Aktualisiert: vor 6 Tagen



Das Tagebuch und meine Schreibsau


Du kennst sie bereits: Meine Affinität und Liebe zum Tagebuch Schreiben. Meine Lust daran, sich sprachlich auszutoben – die Schreibsau rauszulassen -, meine Sehnsucht nach dem Raum, in dem ich echt und authentisch einfach nur ich sein darf.


DANKE!


Ich schrieb darüber in meinem letzten Blogbeitrag und ich danke allen, die hier und bei Facebook ihre wohlwollenden Kommentare darüber abgegeben haben! Ich fühle mich nämlich in der Tat oft recht alleine in meinem Umfeld. Mit Nachbarn, Kollegen, Lehrern und Erziehern meines Sohnes, den anderen Müttern und Vätern, mit denen die Themen oft so stark vorformuliert, der Rahmen meist pragmatisch und fest vorgegeben ist. So gar kein Raum für ein Mehr, keine Kraft mehr dafür da ist … oder oft auch nicht einmal die Perspektive?


Das Leben hat uns fest im Griff und wir müssen uns ganz schön ranhalten, um in der Maschinerie des Funktionieren-Müssens mithalten zu können. Da bleibt meist kein Raum mehr für Reflektion und echte Begegnung mit einem Du.


Und deshalb bin ich so dankbar für alle Kommentare – für dein Einlassen auf meine Texte – denn sie geben mir das Gefühl, eben doch nicht so alleine zu sein, wie es sich manchmal im Alltag so anfühlt.


Die Suche nach Unterstützung


Eine andere Methode, diese Einsamkeit zu kompensieren, ist für mich seit einigen Jahren neben dem Schreiben ganz stark wieder das Lesen geworden. Weniger Romane sind es, mit denen ich mich beschäftige, sondern vielmehr Literatur zu Lebensthemen oder eben zum Tagebuch Schreiben.

Dazu gibt es einige tolle Bücher (die Bilder sind Affiliate-Links, auf die du klicken kannst um dir das Buch genauer anzusehen):


Es gibt Literatur zum Tagebuch Schreiben aus therapeutischer Sicht – allgemein und in Hinblick auf Traumapatienten. Sehr interessant sind hier die Ausführungen von Jasmin Lee Cori in ihrem großen Trauma Selbsthilfebuch oder die Herangehensweise der deutschen Romanautorin Liane Dirks in ihrem Schreibratgeber „Sich ins Leben schreiben“. Aber es gibt noch ein weiteres Buch, das den Gegenpol zu diesen mir sehr nahestehenden Sichtweisen darstellt und dieses Buch ist in der Reihe zum Kreativen Schreiben im Duden Verlag erschienen, herausgegeben von Hanns-Josef Ortheil. Ich schätze die kleinen Bändchen sehr und habe schon viele Inspirationen daraus gezogen.

















Der Band zum Thema Tagebuch Schreiben mit dem Titel „Schreiben Tag für Tag“ von dem Literaturwissenschaftler Christian Schärf ist … naja, wie soll ich sagen … speziell. Er lohnt sich auf jeden Fall, aber du musst ein wenig durchhalten, um seine Schätze zu bergen. Hier erzähle ich dir, wie es mir beim Lesen ging und was ich an dem Buch gut und nicht so gut finde.


Tagebuch aus wissenschaftlicher Sicht – Frust und Lust



Es ist eine wissenschaftliche Untersuchung. Eine Durchleuchtung des Gegenstandes von verschiedenen Seiten. Und wie es bei einem wissenschaftlichen Werk eben Duktus ist, darf natürlich die Positionierung des Autors nicht fehlen.


Und hier fängt es an, holprig zu werden, dummerweise gleich zu Anfang. Dummerweise, weil hier ja ein Gegenstand betrachtet und analysiert wird, eigentlich gar nicht für fremde Augen gedacht ist. Und dann erst noch für die Augen eines Wissenschaftlers! Natürlich haben einige berühmte Persönlichkeiten ihre Tagebücher bereitgestellt – allerdings meist posthum. Im Prinzip aber leuchtet hier jemand in etwas ganz Intimes hinein mit seiner Wissenschaftslampe.


Schärf hebt die Monologstruktur des Tagebuchs hervor und kritisiert in seiner Einleitung deutlich die Ertraglosigkeit und die narzisstische Grundstruktur von Tagebüchern. Das beständige Kreisen um die eigene Person, das in oftmals unerträglichen Monologen mündet und so ein Buch für den potentiellen Leser oft unerträglich macht, wird von ihm scharf kritisiert.


Und dennoch gibt es da eine Sache, die es seiner Ansicht nach rechtfertigen, sich dem Tagebuch Schreiben zu widmen … Tatsächlich. Doch noch!


Es ist: Der literarische Gesamterfolg des Schreibenden, also des Autors, dem das Tagebuchschreiben zur Sondierung seiner Gedanken, Eindrücke, Erlebnisse und ja, sogar seiner Gefühle! dienlich ist.

Und aus dieser Perspektive heraus sieht Schärf es als gerechtfertigt an, dem Tagebuch Schreiben – wenn auch als Sonderform – einen Platz unter den literarischen Schreibformen zuzuerkennen. Uff! Gerettet!


Meine Leidenschaft für das Tagebuch-Schreiben – Unsinn?


Nur, was für eine Erwartung! Darf ich als kleiner Schreiberling es dann überhaupt noch wagen, mich dem Tagebuch Schreiben zu widmen? Winzigklitzeklein bin ich nach der Lektüre der ersten Seiten dieses Büchleins … Und traurig! Meine ganze Freude und Lust an meinem schönen selbstgestalteten Raum zerpufft wie ein zu dick aufgeblähter Luftballon …


Wie gesagt: Ich habe mich diesem Büchlein zugewandt, um für meine Leidenschaft einen Gesprächspartner zu finden. Vielleicht sogar einen Gleichgesinnten! Einen Liebhaber desselben Gegenstandes, der die Lust und Leidenschaft versteht, die mich meine Zeit dieser Form des Schreibens widmen lässt. Ich wollte mich nicht mehr so einsam fühlen in dieser Leidenschaft … Ja, richtig: Ich habe wohl tatsächlich eine nahezu sinnlich-erotische Affinität zu dieser Schreibform entwickelt … Da steh ich zu. 😉


Aber es war wohl in der Tat etwas naiv von mir, dieselbe sinnliche Leidenschaft auch bei einem Wissenschaftler zu erwarten …


Zum Glück las ich weiter! Goethe & Co. und das Tagebuch


Klaro … Ja! Natürlich sollte ich da auch andere Sichtweisen zulassen. Mich mit ihnen auseinandersetzen. Sie wertschätzen …. Blablabla … Tu ich ja auch. Und zwar jetzt gerade!

Und ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass ich das Buch nicht nach der Lektüre der Einführung in die Ecke gepfeffert habe. Es wird nämlich freundlicher und auch ungemein interessant. Denn Schärf bringt viele Beispiele bekannter Persönlichkeiten und erläutert unterschiedliche Stile von Tagebüchern. Angefangen mit den Tagebüchern Gottfried Benns und Max Frischs über Susan Sontag und der ja überall und in nahezu jedem Zusammenhang zitierte Johann Wolfgang G. und vielen mehr …


Und es ist herrlich erfrischend zu sehen, dass auch diese nur mit Wasser, bzw. mit ganz normalen Worten, kochen! Und hier erlangt tatsächlich einiges an Bedeutung, was man dem luftgetrockneten Autor nach seiner erfrischenden Einleitung nicht mehr zugetraut hätte.


Natürlich ein hoher Anspruch, den Schärf da hat: Da will er den zielgerichtet auf die posthume Überstilisierung eines genialen Riesen-Egos hin komponierten Tagebüchern Goethes auf der einen Seite gerecht werden. Aber auch ein beständig jammernder Kafka muss gewürdigt werden, ein sich in Selbstzweifeln zerfleischender Tolstoi, eine sich nüchtern und detailgenau selbstanalysierende Susan Sontag. Als absolutes Highlight: ein fragmentarisch zerstreuter Gottfried Benn.


Lassen wir mal die wissenschaftlich-elitäre Sichtweise des Autors außer acht: Dann fühlt man sich spätestens bei Benn wieder unter normal Sterblichen. Also dazu berechtigt, einfach nur so in sein Tagebuch zu schreiben. Was man will und wie man es will!


Denn das Tolle ist ja: Der Schärf braucht es ja nicht lesen!


Und mal ehrlich: Auch ohne seinen Anspruch sind ja die Blockaden und Hindernisse, sich dem Schreiben über sich selbst zu widmen, oft schon groß genug, oder?


Gottfried Benns Banalitäten – herrlich!


Und wenn mich mal wieder die Zweifel plagen darüber, was für einen Mist ich da gerade wieder herunterschreibe, dann denke ich an Benns Tagebücher, die bei Schärf unter der Überschrift „Das anarchische Notizbuch“ laufen, und an seine Einträge vom Juni 1953:


„Denn was am Tag nicht geht, wird in die Nacht verlegt“

Klopfen

Die Panne mit der Susanne


und an Schärfs klägliche Ansätze, diese in einen zeitgeschichtlichen Deutungszusammenhang zu stellen. …

Danke, Gottfried!


Aber eine Frage bleibt – Tagebuch als etwas Heiliges?


Muss denn Wissenschaft wirklich immer und überall sein?


Klar! Es ist eine ungemeine Bereicherung, die Dinge nüchtern und sachlich zu durchleuchten – so wie ja auch Schärfs Darstellungen der einzelnen Tagebücher es in der Tat sind. Trotzdem: Kann denn nichts einfach mal unberührt und heilig bleiben und einfach nur meiner persönlichen Gestaltung unterliegen? Darf ich nicht einfach mal unanalysiert, regellos und unbehelligt schreiben und mich auch nicht um irgendeine Rechtfertigung und Zielführung scheren? Einfach nur schreiben, weil ich da bin und ich ICH bin?


Ok. Jetzt klingts verzweifelt, oder?


Immerhin gesteht mir Herr Schärf am Ende seines Büchleins zu:

jeder, der ein Diarium führt, entscheidet vielmehr selbst, was er daraus machen will: ob er den großen Stil suchen oder sich einfach gehen lassen, ob er seine Affekte beruhigen oder sich seiner Frustration entledigen will, ob er sein Ich bespiegeln möchte, ob er den Wunsch hat, seinen erotischen Obsessionen eine Artikulation zu geben, ob er die Absicht verfolgt, schreibend seine innere Isolation zu verfolgen (S. 15)

Er betont sogar den Lustaspekt des Tagebuchschreibens, wenn er sagt:

Das Tagebuch ist und bleibt ein intimes Instrument der Selbstverständigung. Es sind die vielfältigen Möglichkeiten des Ausdrucks, die das Schreiben Tag für Tag zu einem sich niemals abschwächenden Reiz machen und die Lust erneuern, immer wieder ans Schreiben zu gehen.

Endlich! LUST! JA!

Aber: AUTSCH!! DIESE SPRACHE!


Und beim Lesen dieses Satzes wird mir auch vollständig klar, dass Herr Schärf und ich allein schon spracherotisch niemals demselben Fetisch verfallen würden!


Fazit!


Herr Schärf bietet dem am Tagebuch Schreiben interessierten Leser wirklich eine interessante Übersicht über die unterschiedlichen Stile, die sich in diesem Medium umsetzen lassen. Jeweils repräsentiert durch eine andere literarische Persönlichkeit. Aber seine wissenschaftliche Positionierung und Sprache sind doch recht lusttötend.


Die Diskrepanz zwischen dem Medium Tagebuch und wissenschaftlicher Sezierweise ist es, welche die Herangehensweise des Autors mitunter furchtbar holprig macht, und man will auf die Knie herabsinken und die Wissenschaft anflehen:


„Bitte, lass mir mein Heiligtum! Meinen Sprachraum! Taste ihn nicht an! Finger weg! Zumindest nicht SO!“


Denn diese Sprache passt hier nicht. Zerstört den intimen Raum. Nimmt dem Medium seine heilende Wirkung.


Ich lasse mich also von den Schriftstellern, die auch alle Tagebuch geschrieben haben, wunderbar inspirieren. Das ist das Tolle an dem Buch von Schärf. Und ich danke Gottfried Benn – dem diarischen Anarchisten – und schließe mit seinem erfrischend sinnlosen Eintrag:

wenn du denkst es geht nich, dann geh zu Tante Hedwig.


Danke! Das mach ich!

Eure Doro


Über die Autorin: Doro König lebt mit ihrem Sohn in München und schreibt regelmässig hier auf SchreibStimme. Sie hat Germanistik und ev. Theologie studiert, schreibt Gedichte und Texte unterschiedlichster Art. In diesem Artikel erzählt sie mehr über sich: http://schreibstimme.ch/frederick-and-me-von-maeusen-dunkelheit-und-dem-sammeln-von-farben/


Und zum Schluss nochmal die Bücher aus dem Artikel:





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SchreibStimme.

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8610 Uster

kunath@schreibstimme.ch

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