Mit allen Sinnen – oder: Der Duft des Schreibens

Aktualisiert: vor 6 Tagen


Damals, im Frühsommer …


Im Frühsommer begann ich diesen Text und jetzt ist schon bald Herbst! Monate voller Frühlings-, Sommer-, Spätsommerdüfte haben mich erfreut. Der Herbst kommt, mit all seiner üppigen Sinnlichkeit. Und so ist jetzt der richtige Zeitpunkt, diesen Text endlich abzuschliessen.


Er beginnt im Frühsommer …


Heute Vormittag war ich spazieren in Wald, Feld und Wiesen. Der Frühling nimmt gerade seinen Abschied und gleitet nun langsam über in einen milden und sanften Frühsommer. Eigentlich wollte ich nur kurz hinaus gehen, um den Tag zu begrüßen, bevor ich mich wieder an meine Arbeit setze. Aber dann hat mich der sanfte Wind eingelullt und mir den Duft der endlich dichtbegrünten Bäume in die Nase gespielt. Ich konnte nicht anders und musste stehen bleiben und diesen tief in mich einsaugen! Dann wollte ich umkehren zu meiner Arbeit, aber als ich über die Wiesen zurück zum Haus ging, wehte mir der freche Wind den Duft der grünen, mit Wildblumen überwucherten Wiesen in die Nase …


Spätestens da hatte er mich überzeugt – oder vielmehr: gefangen. Und er versprach mir mehr!

Ich verließ unser großes Grundstück und streifte durch die kleinen Straßen der Nachbarschaft. Noch bevor ich die von tiefroten Mohnblumen, gerade verblühenden Pfingstrosen und Wacholdersträuche sah, wehte der Wind mir bereits ihre betörenden Düfte in die Nase. Noch bevor meine Sehnerven die wundervolle Farbenpracht der die Sommersonnenwende ankündigenden Pflanzenwelt wahrnehmen konnten, war ihnen bereits ihr Bruder Duft vorausgeeilt und entfaltete seine enorme sinnliche Kraft.


Spaziergang der Sinne


In unseren SchreibStimme-Workshops ist es eine unserer Lieblingsaufgaben, die Teilnehmer auf einen sogenannten „Spaziergang der Sinne“ zu schicken, mit der Aufgabe, sich auf einer Parkbank oder einem anderen Fleckchen in der Gegend niederzulassen, sich da einen Sinn herauszupicken – nicht den Sehsinn! – und dann für ein paar Minuten bewusst nur das wahrzunehmen, was speziell mit diesem Sinn wahrgenommen wurde …


Es ist erstaunlich, was dabei jedes Mal herauskommt und wieviel einem auch die anderen Sinne – jenseits des oft so überstrapazierten Sehsinnes – über die Welt sagen können.

Vielleicht liegt es daran, dass ich seit meiner Jugend mit schlimmem Heuschnupfen und Allergien auf Frühblüher zu kämpfen hatte und mir diese Welt so lange in entscheiden Phasen der Jahreszeiten versperrt war, aber einer meiner liebsten Sinne ist der Geruchssinn.


Vernachlässigt und mächtig


Manchmal, so wie heute, da überlasse ich diesem sonst immer so subtilen Mitstreiter unter den anderen Sinnen gerne die Führung, lass mich ganz bewusst ein auf die Botschaften, die gerade er mir vermitteln will. Heute war das die klare Botschaft: Hey, Doro! Wach auf! Die Zeit des Wartens und Ausharrens ist überstanden! Du bist da! Wir alle sind da! Es wird Sommer und die Sonne hat sich die Herrschaft wieder zurückerobert. Sie spendet uns für viele Stunden am Tag Licht und gibt dem Wind und den von ihm getragenen Düften ihre Leichtigkeit wieder. Lass sie los, die Schwere in dir, die stets meint, alles unter Kontrolle behalten zu wollen und schnapp dir Stift und Papier und widme deine Worte wieder der Leichtigkeit!


Forschungen haben ergeben, dass der Duft eines Menschen in mindestens genauso hohem Maße dafür verantwortlich ist, ob wir ihn attraktiv finden, wie sein Äußeres. Man vermutet sogar, dass der Duft letzterem sogar in seiner Kupplerfunktion weit voraus ist. Man muss „sich riechen“ können – so heißt es im Volksmund weithin.


Um mich also mit einem potentiellen Partner treffen zu wollen, muss mich dieser olfaktorisch ansprechen – ansonsten ist er gleich unten durch und meine Motivation, ihn wiedersehen zu wollen, bei null. Gleiches gilt auch für den Klang seiner Stimme und dafür, wie er sich insgesamt – als Ganzes – so anfühlt. Auf Letzteres sind wir allerdings schon oft nicht mehr bereit uns einzulassen, wenn eines unserer Sinnesorgane ein ganz klares Nein signalisiert.


Wir Menschen begegnen uns also gegenseitig mit allen Sinnen und auch wenn der Sehsinn dabei weithin die dominante Rolle zu spielen scheint, muss das nicht heißen, dass das auch so ist.


Schiller, die Düfte und das Schreiben


Begegnet uns ein angenehm menschlicher Duft mehr oder weniger unerwartet, so haben wir in Bezug auf unsere Lebensumstände oft die freie Wahl und die Möglichkeit, unsere Umgebung mitzugestalten. Auch in Bezug auf das Schreiben ist das so. Friedrich Schiller hat dies seinerzeit sehr bewusst als Schreibmotivator für sich eingesetzt: Er war geradezu süchtig nach dem Duft faulender Äpfel und hatte immer einige davon in der Schublade seines Schreibtisches gebunkert. Diese verhalfen ihm – wie wir wissen – zu großartigen Meisterwerken – auch wenn es durchaus lustig ist, sich vorzustellen, dass Landvogt Gessler dem Sohnemann Tells einen gammeligen Matschapfel auf den Kopf legte … Was wohl allerdings ein wenig frei von mir interpretiert wäre … Nur: Vollkommen abwegig ist der Gedanke auch nicht, wie wir ja jetzt wissen.


Nun ist das subjektive Wohlempfinden eines bestimmten Geruchs nicht jedermanns Sache, aber die Idee, die dahinter steckt, dennoch plausibel: Du kannst dir dein Schreiben oder auch andere Tätigkeiten und so deinen gesamten Alltag angenehm gestalten, indem du dir einen angenehmen Begleitgeruch dafür suchst. Es gibt mittlerweile nicht mehr nur Duftlämpchen, sondern auch ganz wunderbare und bezahlbare Diffusoren, die dir den Alltag verschönern können. Das hat etwas Manipulatives, aber in Richtung Wohlbefinden ist Manipulation erlaubt. Ein unangenehmes Wesen zu verschleiern dazu ist eine einzige Form der Wahrnehmung alleine ohnehin nicht im Stande.


Die Botschaft des Windes


Ich gestalte mir so gerne meine Schreibbeziehung auch ganz bewusst. Es ist sozusagen das Parfüm, das ich meinem Schreibliebhaber anlege, damit ich ihn attraktiv finde. Doch manchmal braucht es neuen Wind in der Beziehung und die unerwartete Botschaft des Windes heute Morgen und der Düfte, die er mir zugespielt hat, war eindeutig. Ich spürte, wie die Schwere nicht nur meines Schreibens, sondern meines ganzen Lebens der vergangenen 6 Monate von mir abfiel.


Meine Schreibbeziehung hat wieder Leichtigkeit erfahren. Schön, dass zwar vieles, aber auch nicht unbedingt alles, in unserer Hand liegt.


Mittlerweile ist sogar schon der Sommer vorüber und der Herbst treibt uns neue – würzige und markante Düfte – in die Nase. Mein im Frühsommer begonnener Text brauchte seine Zeit in der Schublade, um reifen zu können und bis ich ihn loslassen konnte.


Das ist oft so bei mir. Ich brauche die Zeit des Reifens, bis ich die Dinge loslassen und in die Welt schicken kann. Und deshalb freue ich mich auch schon auf das nächste SchreibStimme Journaling-Retreat mit Friederike. Und vielleicht auch mit dir? Das kreative Journaling-Retreat steht unter dem Motto “Farben sammeln!” Wir sammeln Farben, Düfte, Geräusche.


Nutze auch du die Zeit vom 2.- 4. Oktober rund um den Erntedank, um mit uns beim SchreibStimme Journaling-Retreat deine sommerliche Ernte einfahren, Kraft tanken und Dinge loslassen zu können!


Wir freuen uns auf dich!


Deine Doro

P

.S.: Hier erfährst du alle Details über das kreative Journaling-Retreat “Farben sammeln” vom 2. bis 4. Oktober: Link zum Journaling-Retreat

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